Witchkin Review - Survival Horror Game


Im Test: Die Windows-Version


Wir alle wissen, dass wir von fremden Leuten keine Süßigkeiten annehmen sollten. Wie aber verhalten wir uns, wenn wir unvermittelter Dinge eine Handvoll Bonbons auf unserem Fensterbrett vorfinden? Die Antwort darauf mag zunächst ein wenig befremdlich klingen, doch wir sollten uns unverzüglich ans Bett ketten lassen. Von der Freundin, vom lackhosigen SM-Nachbarn oder vom Entfesselungskünstler unseres Vertrauens. Denn schon sehr bald wird die ultraböse „Bonbon-Frau“ vor unserer Tür stehen und uns in ihr Farmhaus verschleppen – so erzählt es jedenfalls die wenig kindgerechte Background Story von Witchkin. Ob uns Coven Games’ Survival-Horror-Spiel vielleicht noch etwas mehr zu erzählen hat?

Witchkin: Ein Kinderalbtraum in Sepia

Aber, aber … Wer wird denn von einer One Man Show der Marke „With a little help of my friends“ gleich ein The Walking Dead erwarten? Nein, Witchkin versucht gar nicht erst, über die (im Übrigen recht niedlich gestaltete) Erklärung der Spielsituation hinauszugehen – auch wenn es uns, sehr genretypisch, hier und da ein düsteres Anekdötchen per Zeitungsausschnitt oder Notizzettel serviert. Das Intro verklickert uns lediglich, dass sich die Bonbon-Frau unserer kleinen Schwester „angenommen“ hat. Und wir; wir verkörpern den ebenfalls noch kindlichen Bruder der Entführten, der sein Schwesterherz noch bis zum Abendessen wieder zuhause wissen will. Kann er bzw. können wir das schaffen?

Witchkin Review - Intro
Die Bonbon-Frau bei der Arbeit: Ihrem Arm nach zu urteilen ist sie nicht annähernd so süß wie ihre Mitbringsel. (Intro)

Versuch macht kluch: Hals über Kopf stürzen wir uns in den Keller des Farmhauses, wo wir zwischen teils tunnelmimenden Lagerkisten und sonstigem Gerümpel zum Liegen kommen. Eilig lässt uns unsere Entschlossenheit wieder auf die Beine kommen, doch eine schnelle Infiltration des 20er-Jahre-Gebäudes können wir uns – ob seiner maroden Eigenschaften – gleich wieder von der Backe kratzen. Denn irgendwie hat die antike Treppe zum Wohnbereich nicht mehr alle Stufen an den Latten – und den Größenvergleich mit Familie Lilliput’s Standbriefkasten haben wir erst gestern wieder haushoch verloren. Es gibt also keinen Zweifel: Mit einem Hammer, ein paar Nägeln und einigen Brettern werden wir operieren müssen.

Spielzeug auf vier Etagen

Und so machen wir uns gleich daran, das nötige „Besteck“ zusammenzusuchen – als plötzlich ein blechernes Quietschen unsere Aufmerksamkeit erregt. Was denn? Sollte die böse alte Dame etwa auch Gottlieb Wendehals entführt haben, der gerade im Begriff ist, die Löcher aus den Blecheimern zu singen? Pustekuchen: Als Quelle des Geräuschs entpuppt sich ein gruselig bezahnter Spielzeugroboter namens Trappy; und Trappy hat mal so gar keine Lust auf herumschnüffelnde Kellerkinder.

Instinktiv springen wir auf den hoffentlich rettenden Tisch in der Nähe, doch Trappy, des Springens mächtig, lehrt uns eindringlich die Künste des Rundtischtanzes. Ja, denn Trappy kratzt, er beißt und vielleicht stinkt er sogar. Uns jedenfalls stinkt er gewaltig, weshalb wir in einem guten Moment den Schutz des nächstliegenden „Kistentunnels“ aufsuchen … Rulle Rulle Rutschbahn, Spiel ist futsch.

Witchkin Review - Trappy greift an
Hetzjagd im Keller: Ein rollender Mülleimer mit Zähnen („Trappy“) findet unser Eindringen vollkommen inakzeptabel.

Tja, und das war es auch schon beinahe; Witchkin in der Nussschale. Denn auch in allen anderen Etagen des Hauses gilt es, im Rahmen einer One-on-one-Verfolgungsjagd ein relativ simples Rätsel zu lösen, was auf den ersten Blick eine ziemlich monotone Angelegenheit zu werden droht. Doch Witchkin’s Mastermind David Jennison stellt uns nicht umsonst auf sehr verletzliche Kinderbeine. Fällt uns etwa eine lose Planke auf die Füße oder treten wir auf einen spitzen Gegenstand am Boden, werden wir deutlich empfindlicher verletzt als die großen Jungs und Mädchen. Außerdem profitiert der charmant kranke „Hide ’n sneak Horror“ ungemein von seiner hübschen 20er-Jahre-Verpackung.

Eine Frage der Präsentation

Und so macht es durchaus Spaß, sich auf die kindlich-morbide Welt von Witchkin einzulassen, das Verhalten der liebevoll gestalteten Feind-Spielzeuge zu beobachten, und – in den nicht zu zahlreich gesäten, ruhigen Momenten – die antike Einrichtung des Farmhauses in Augenschein zu nehmen. Für einen reibungslosen Ablauf sorgen hier die nahezu perfekt funktionierenden Mechaniken sowie die Unreal Engine 4, welche das finstere Geschehen im etwas späteren Stummfilmstil über den Bildschirm flackern lässt.

Eher unauffällig verhalten sich dagegen Sound und Musik, die mit dem visuellen Part zweifelsfrei harmonieren. Auf der negativen Seite aber resultiert diese Zurückhaltung in einer (für gestandene Horrorfans) viel zu „luftigen“ Grundstimmung.

Witchkin Demo - Puppe
Guten Tag. Ich bin die Wächterin dieser Etage – und außerdem das Letzte, was du hier im Haus zu sehen bekommen wirst.

Fazit: Casual-Horror mit Klasse

Aufgrund seiner geringen Spielzeit von nur ein bis zwei Stunden ist Witchkin kaum mehr als ein nettes Horrorspiel für zwischendurch – und das ist eigentlich ziemlich schade. Denn schon die im Juli 2017 veröffentlichte Demo versprühte im Ansatz AAA-Feeling, was uns sowohl auf eine gehaltvollere Story als auch auf einen größeren Spielumfang hoffen ließ. Vielleicht steckt sich Coven Games demnächst ja etwas höhere Ziele? Wir würden es begrüßen, doch nichtsdestotrotz wollen wir die vorliegende Leistung des Entwicklers würdigen. Denn sein mutmaßliches Ziel, ein gutes „Zehn-Euro-Horrorspiel“ zu produzieren, hat er mit Witchkin allemal erreicht.

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