Vaccine – Review: Auf der Suche nach dem Heilmittel

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Vaccine Review

Mit dem Survival-Horror-Game Vaccine will der eine Entwickler – kein Scherz, Respekt – bei RainyNightCreation an die Glanzzeit jenes Genres anschließen, das mal wieder, immer noch oder in Kürze sein lang erwartetes Comeback erlebt. Aktuell bringt er das zumindest augenscheinlich klassischer nicht sein könnende Gruselspiel per Steam auf den PC und auch auf die X-Box One und PS4.

Als Kämpfer einer Eliteeinheit stellen wir uns der Biogefahr in einem von Monstern bevölkerten Anwesen und greifen dabei auf alles zurück, was das Vorbild Resident Evil so zu bieten hat. Fast schon könnte eine Hommage vermutet werden, aber wer sich auf ein gepflegtes Erlebnis Marke BioHazard 1.5 freut, sollte kurz innehalten, ehe er auf den Kauf-Button drückt, denn der Ersteindruck täuscht gewaltig.

Vom Gruselvirus infiziert

Das ist es dann nämlich auch schon, was die Handlung angeht. Im weiteren Verlauf finden wir die mittlerweile schon klischeehaften Textdokumente, die Aufschluss darüber geben, was für ulkige Experimente denn diesmal für das Schlamassel verantwortlich sind … Aber mal ehrlich, wen interessiert’s? Erst recht, wenn es ansonsten nichts zu erzählen gibt? Am Anfang wählen wir einen von zwei steuerbaren Charakteren, Rita O’Connor oder Manuel G.P., und beide könnten beliebiger nicht sein. Eigentlich können wir schon fast nicht von Charakteren reden. Um das zu unterstreichen, tragen beide auch ihre Gasmasken vor der Schnute, damit ihnen am Ende nicht noch ein Gesicht wenigstens etwas Tiefe verleiht. Der oder die nicht auserkorene liegt dann wegen der Erkrankung zuckend auf dem Bett des Startzimmers, das wir leider sehr, sehr oft zu sehen bekommen werden, der oder die andere bekommt den Auftrag, das Gegenmittel zu finden, und wir machen uns in Folge auf die Suche in den angrenzenden Räumen – die wir leider auch sehr, sehr oft zu sehen bekommen werden.

Vaccine Storage Room Item
Das Aufheben von Items funktioniert schon mal sehr klassisch …

Vom abrupten Einstieg mal abgesehen geht es eigentlich recht stimmig los. Der Look ist überdeutlich von Spätneunziger-3D-Grafik inspiriert, komplett mit Waber-Texturen und Ruckel-Polygonen. Vaccine geht sogar so weit, den leicht gewölbten Bildschirm eines Röhrenfernsehers zu simulieren, um uns zurück in die gute, alte Zeit zu versetzen. Auch  Musik und Steuerung meinen es offenbar ernst, der Resi-Klon scheint perfekt – für etwa zehn Minuten. Derartige Oberflächlichkeiten außen vor erwartet uns nämlich in Wirklichkeit gar kein klassisches Survival-Horror-Game. Welche ungewöhnlichen Ideen stecken dahinter und welche Probleme bringt das mit sich?

Reiner Zufall

Anstatt einer sorgsam erstellten und für den Spielablauf durchdacht designten Umgebung bietet sich uns bei jedem Spielbeginn eine zufällige Anordnung von Räumen und darin ebenso zufällig verteilte Items und Gegner. Lediglich der erste Raum ist immer gleich. Leider benötigen wir bei der Zufallsvergabe des ganzen Rests eine erhebliche Portion Glück, denn es wurde sich offenbar kaum bis keine Mühe gegeben, eine Art Sicherheitssystem zu integrieren, das aufpasst, dass wir eine einigermaßen faire Verteilung erhalten. So kommt es nicht selten vor, dass wir wieder und wieder sterben, weil wir zwar in massig Monster und Munition rennen, aber weder die Waffen finden, für die letztere vorgesehen ist, noch Heilmittel, die Verletzungen durch erstere kitten.

Vaccine Inventory
Das Inventar ist so hässlich, das muss einfach Absicht sein.

Und ein Speichersystem gibt es natürlich nicht: Wer stirbt, legt von vorne los. Das Zufallsgedöns hat desweiteren den Nachteil, dass wir kaum ein Gespür für die Location bekommen, denn alles wirkt nicht nur wie schon mal gesehen und beliebig, sondern der einzelnen Bausteine sind auch erstaunlich wenige verfügbar, so dass man durch die immer gleichen Zimmer läuft, die einfach kein stimmiges Gesamtbild ergeben. Ein überzeugendes Gebäude sieht anders aus. Abgesehen vom kurzen, aber oberflächlichen Nostalgiekick fehlt es dem Random-Gemäuer in Vaccine zudem an Charme. Und nicht nur die wenigen verfügbaren Räume werden ständig recyclet, das ganze Spiel ist in mehrfacher Hinsicht wiederholungsanfällig.

Alles schon mal gesehen

Dazu sei erklärt, dass wir Vaccine nicht lediglich „durch“ spielen. Ziel ist zwar, das Gegenmittel zu finden und zum infizierten Kollegen zu bringen, doch hat man das geschafft, geht der Spaß – naja – von vorne los. Wir behalten unsere Items und Statuswerte, dafür wird das Zeitlimit gekürzt. Ach ja, es gibt selbstverständlich ein Zeitlimit, am Anfang dreißig Minuten, dann mit jedem Durchgang weniger.

Diese Struktur sorgt für Unausgewogenheit. Der erste Anlauf ist meist unfair schwierig und wir sind viel zu sehr von der Gnade des Zufalls abhängig. In diesem Sinne versagt das Spiel auch im Survival-Aspekt, denn wir sind selten gefordert, unsere Ressourcen gut zu nutzen, weil wir gar nicht erst genügend erhalten. Und haben wir Glück und finden sie, muss man sie nicht clever einsetzen, sondern nur einsetzen. Wir gehen wieder und wieder drauf, weil wir Pech haben, nicht weil wir schlecht spielen. Zum schlecht Spielen ist Vaccine gar nicht komplex genug.

Vaccine Piano Room Stats
Das Einblenden der Schadens- und XP-Punkte fördert nicht gerade die Immersion.

Sind die Würfel uns aber doch einmal wohlgesonnen, schaffen wir es also, das Heilmittel zu verabreichen, ändert sich das alles schlagartig. Bereits nach dem ersten Durchgang haben wir die Statuswerte derartig hochgelevelt, dass wir in den folgenden Wiederholungen relativ unbekümmert durch das Spiel kommen, obwohl sich vom Aufbau her wenig ändert. Hauptfeind ist dann wirklich der Zeitdruck. Theoretisch können wir natürlich immer noch Pech haben und durch miese Verteilung der Items, Räume und Gegner in die Knie gezwungen werden, aber wahrscheinlicher ist nun, dass wir des ganzen überdrüssig werden und irgendwann vor lauter Langeweile von alleine aufgeben. Und wer nun gehofft hat, ein anderes Mal weiterspielen zu dürfen, dem verpasst das Spiel dann noch den letzten Schlag, denn eine Art „Continue“ gibt es nicht. Machen wir es aus, starten wir wieder bei Null.

Und noch mal von vorne

Was ist überhaupt der Sinn des ganzen? Immerhin retten wir unseren Krankfeierer immer wieder, nur um dann sofort den Hinweis zu bekommen, er wäre schon wieder infiziert. Nun, da das dann auch schon das einzige bisschen an Story ist, was Vaccine zu bieten hat, sei an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber wir können diesen Zyklus letztlich unterbrechen und das ist wohl auch das eigentliche Ziel. Inhaltlich wird durch auffindbare Textdokumente eine Erklärung für die Zufallsanordnung der Räume und die zeitschleifenähnliche Struktur des Spiels geboten. Überraschung, fehlgeschlagene Experimente sind Schuld. Wenigstens kein Zombievirus. Die minimale Geschichte interessiert uns nur leider nicht die Bohne, denn der pseudowissenschaftliche Wurmloch- und Paralleluniversenquark wird ohne jeglichen Spannungsbogen oder anderweitig schmackhaft inszeniert. Eine richtige Story gibt es einfach nicht, deren Ausgang uns etwas angehen könnte, keine Charaktere, deren Schicksal uns bewegt.

Vaccine Bathtub Bathroom
Die Aufmachung und Kameraeinstellungen sind stimmig, aber repetitiv.

Statt dessen erhalten wir zufallsgenerierte Gameplayabschnitte der übelsten Sorte. Die an sich zwar unheimliche Musik geht uns nach spätestens dem zweiten Anlauf auf die Nerven, da es nur dieses eine Stück gibt, und die immer gleichen, noch dazu absolut unoriginellen Gegner gruseln uns schon beim ersten kaum, geschweige denn beim drölfigsten.

Fazit

Auch wenn es so aussieht und an die Nostalgie appelliert, ist Vaccine kein richtiges Survival-Horror-Game. Vielmehr versteckt sich dahinter eine Art Roguelike mit schlecht bzw. überhaupt nicht durchdachter Zufallsmechanik, so dass sich ein recht unausgewogenes Spielerlebnis ergibt, denn es schwankt immer wieder zwischen Frust und Banalität. Auch inhaltlich hat man bald genug, weil man nach etwa fünf Minuten schon so gut wie alles gesehen hat, was das Spiel zu bieten hat. Hinzu kommen technische Unzulänglichkeiten. Die Steuerung lässt sich zähmen, grenzt aber schon an eine Parodie auf das Genre. Teilweise verschwinden aufgehobene Objekte, anstatt im Inventar zu landen und das Auto-Aiming ist auch nicht durchgehend zuverlässlich. Wer sich für das Konzept begeistert, kann ein paar Stunden unterhalten werden, es gibt aber, mit Verlaub, deutlich bessere Alternativen.

FlorianDass Vaccine den Survival-Horror eher als Maske trägt, ist mir bewusst. Von daher sind es nicht lediglich enttäuschte Erwartungen, die das Spiel für mich herunterziehen. Den Retro-Look empfinde ich an sich als gelungen, und der anfangs knackige Schwierigkeitsgrad weckt den Ehrgeiz. Das ändert sich nur leider zu bald, denn die Spielmechanik nervt nach ein paar Anläufen, weil zu stark vom Glück abhängig. Für ein zufällig zusammengewürfeltes Spiel, das man immer und immer wieder durchgehen soll, wäre es zudem nicht schlecht, mehr als gefühlte fünf verschiedene Räume und tatsächliche fünf verschiedene Gegnertypen zu haben. Letztlich bricht dem Spiel für mich aber die mangelnde Kreativität das Genick. Und auch, wenn das keine Voraussetzung für ein gutes Spiel ist, ist Vaccine kein winziges bisschen gruselig.

ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gameplay
4
Grafik
5
Sound
4
Story
2
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Florian ist mit dem Adventure-Genre aufgewachsen, das er auch heute noch mit Interesse verfolgt. Dazu gekommen ist über die Jahre einiges andere, doch der Schwerpunkt auf narrative Spielerlebnisse ist erhalten geblieben. Insbesondere der Survival-Horror hat es ihm angetan, auch gerne mit mal weniger, mal mehr Action, am liebsten aber mit viel Emotionen.

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