Unforgiving A Northern Hymn Review


Im Test: Die Windows-Version


Normalerweise würde diese Einleitung nun mystisch raunend über dem nachfolgend besprochenen Spiel schweben, fragend: Wird der Kandidat es schaffen, uns nachhaltig zu beeindrucken? Ja, normalerweise würde sie das. Aber wisst ihr was? Vergesst es. Angry Demon Studio haben mit ihrem Survival-Horror-Adventure Unforgiving – A Northern Hymn so viel richtig gemacht, dass es fast schon unverschämt ist – und seit heute geloben wir, ein „Buch“ nie wieder nur nach seinem Umschlag zu beurteilen.

Bruder und Schwester verlaufen sich im Wald

Wir öffnen die Augen und sind einigermaßen verwundert: Wieso, bitteschön, liegen wir auf der Rückbank eines fahrenden Autos – und das auch noch mit gefesselten Händen? Ein Blick gen Fahrersitz erhöht unsere Adrenalinzufuhr, denn in ihm sitzt ein breitschultriger und tätowierter Glatzkopf. Nicht gut … Schon gar nicht für eher zierliche junge Frauen wie uns. Sofort versuchen wir, die Fesseln irgendwie abzustreifen, doch das will uns nicht gelingen. Okay, besser eine schwer verletzte als eine vergewaltigte Frau: Mit einem beherzten Tritt gegen Humpty Dumptys Denkballon bringen wir den PKW kräftig ins Schleudern, sodass dieser von der Straße abkommt und – Verdammt – mitten im nächsten Tümpel landet.

Unforgiving A Northern Hymn - Intro
So, Freundchen … Das unbestellte Taxi hält genau hier! (Intro)

Einen kurzen Blackout später erwachen wir spotzend am Ufer, mit dem vermeintlichen Kidnapper zu unserer Rechten. Unter überraschend vorsichtigen Gesten gibt sich dieser nun zu erkennen: es ist unser großer Bruder. Was zum Kuckuck? Beschwichtigend erklärt er, dass wir „wieder Probleme gemacht“ hätten; und zwar aufgrund unserer … „Abhängigkeit“? Wir verstehen nur Südbahnhof, aber das ist in dieser Situation erstmal zweitrangig. Unser Bruderherz betrachtet das umliegende Gehölz, überlegt einen Moment lang und fordert uns dann auf, ihm zu folgen: „Lass uns nach der Straße suchen“, sagt er. Und so beginnt eine folgenschwere Waldwanderung, die uns, statt zur Straße, immer tiefer in den Wald hineinführt.

Unforgiving A Northern Hymn - Durch den Wald
Mit unserem Bruder streifen wir durch den Wald, machen eine ekelige Entdeckung – und ahnen nicht, dass uns der größte Horror erst noch bevorsteht…

Nach einer (etwas zu langen) Weile des Hinterherdackelns werden wir infolge eines Missgeschicks von unserem Bruder und dessen Taschenlampe getrennt, sodass uns der Wald mit seinen fremdartigen Geräuschen allmählich unheimlich wird. Wir können gerade noch erkennen, wie sich der im und über dem Wald liegende Nachtnebel hinter uns verdichtet, in Gegenrichtung aber auch den Blick auf ein Fünkchen Hoffnung freigibt: den Umriss eines Hauses. Ob uns die Bewohner vielleicht helfen können? Wir nähern uns dem von flachem Gewässer umgebenen Gebäude und inspizieren es eingehend, doch statt heimeliger Wärme versprüht es lediglich tschernobyl’sche Sperrzonenromantik. Anders gesagt: Keine Bewohner, nur ein Satz religiös anmutender Bücher und – sehr zu unserer Verwirrung – ein horizontaler Wasserlift mit Käfiggondel. Hier ist doch irgendetwas im Busch…?

Horror mit nordischen Mythenwesen

Allerdings – zumindest gewissermaßen. Sobald wir nämlich das Kombinationsrätsel um die Aktivierung des (im Übrigen „autobetriebenen“) Lifts gelöst haben, startet Unforgiving ein kleines Feuerwerk an schwedischen Horror-Mythen, dessen Eröffnungsböller, ein merkwürdig zerfetzter Geistschatten, ziemlich nachdrücklich vor die Gondelgitter hämmert. Klar: Das ist sicher nur der ehemalige, übereifrige Liftboy, der seine Berentung niemals gänzlich akzeptieren konnte – und der jetzt vielleicht ein angemessenes Trinkgeld erwartet? Wo ist denn das Porte … Ups! Zu spät, der Lift hat sich soeben in Bewegung gesetzt. Dumm gelaufen, Liftboy, oder sollten wir besser Charon sagen? Was wir nämlich (noch) nicht wissen, ist, dass das Ziel unserer „Überfahrt“ eine andere Dimension ist; und zwar eine Dimension des Chaos und des Leids.

Unforgiving A Northern Hymn - Der Fluch
„Der Fluch“ ist eine der zentralen Figuren des Spiels – und sehr gefährlich.

Oha! Tja, das klingt doch ganz nach der richtigen Behandlung für hartgesottene Horrorfans, und tatsächlich ist Unforgiving das auch. Als seien die Jungs und Mädels von Angry Demon Studio nämlich schon „ewig“ im Geschäft (in Wahrheit sind sie es erst seit drei Jahren), hangeln sie sich mit gewieften Jumpscares, größer angelegten Verfolgungsjagden und erstklassigem Sound entlang einer einzigen Steigungskurve. Sie wussten auch, wann sie welche Szenerie wie zu verbauen hatten; und so reicht die Setting-/Design-Palette vom breitschlauchigen Bahngleis-Level bis hin zum relativ verlassenen Open-World-Städtchen. In Unforgiving reiht sich also nicht Rätsel an Rätsel oder Scare an Scare – jedes Spielelement kommt genau dann zum Einsatz, wenn es zum Einsatz kommen sollte. Und was das Allerschönste ist: Uns erwartet nicht ein einziges Tresor-Rätsel.

Nein, stattdessen lösen wir die meisten Aufgaben des Spiels auf deutlich innovativere Weise, wie z.B. über das innige Plänkern auf einer sagenumwobenen Handharfe. Ist doch ein alter Hut, sagt ihr? Na, dann wartet erstmal ab, bis ihr das morbide Instrument in Nähe eines tonnenschweren Sloth-Lookalikes spielen müsst – spätestens dann werdet ihr nämlich überrascht sein, wie viel Eigenleben in virtuellen Frauenpatschern stecken kann. Dennoch: Es sind nicht derlei Erschwernisse, die uns die Laune verderben werden; ganz im Gegenteil. Es sind vielmehr die altbackenen Charaktermodelle, die der Grafik-Polizei glühend heiße Drähte bescheren dürften. Denn obwohl Unforgiving recht vorbildlich durch die Unreal Engine 4 buttert, fühlen wir uns in mancher Szene ganz wie ein Low-Budget-Entwickler im Unity-Store … Also nicht ganz so gut. Aber sollen wir uns in Horrorspielen überhaupt gut fühlen?

Fazit: Ein Fast-rundum-glücklich-Paket

In seiner Eigenschaft als Survival-Horror-Adventure bietet Unforgiving – A Northern Hymn so ziemlich alles, was das (hoffentlich) starke Herz eines Horrorfans begehrt: eine gute Story mit geradezu dramatischen Momenten, eine ungewöhnlich dichte Atmosphäre, geschickt eingefädelte Scares und viele unterschiedliche, mythologische Bedrohungen. Zwar ist der Wiederspielwert des gut sechsstündigen Höllentrips nicht gerade hoch, da Unforgiving, wie so viele andere Adventures auch, weitgehend linear verläuft. Dafür bekommt ihr die Software aber schon zum Preis von drei Dosen Veggie-Ravioli: Schlappe 15 Euro kostet euch diese sehr erlebenswerte Erfahrung, so ihr bei Mr. Gabe Newell einzukaufen gedenkt. Und das ist, unserer bescheidenen Meinung nach, geschenkt.

ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Story
9
Grafik
7
Sound
10
Gameplay
8
Spielspaß
10
QUELLESurvivethis
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Alex zockte schon zu Zeiten, als Nintendos Mario noch „Jumpman“ hieß: sein allererster High Score datiert auf 1981. Als Kenner alter Maschinen blickt er für Survivethis nicht nur zurück, sondern liefert auch News zu aktuellen Survival-(Horror-)Titeln. Nach Redaktionsschluss vertont er meist die Pixel-Art-Spiele seines kleinen Indie-Teams.

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