Im Test: Die PC-Version, Sandbox- und Challenge Modi. Der Storymode „Wintermute“ folgt in einem gesonderten Review.

The Long Darverschlägt uns in den verschneiten Norden Kanadas. Es gibt keine Zombies und keine anderen Spieler, die uns umbringen wollen. Nur wir gegen die Wildnis: Heißt Kälte, Hunger, Durst, wilde Tiere und die Ungewissheit. Warum ist der Strom ausgefallen? Weshalb wird es täglich kälter? Was ist hier geschehen? Seit Tagen keine Flugzeuge am Himmel, Motoren lassen sich nicht mehr starten, kein Ton aus dem Radio – nicht mal Rauschen. Dafür in klaren Nächten Wetterleuchten am Horizont, so stark und intensiv wie wir es nie zuvor gesehen haben. Die stille Apokalypse ist da – und wir sind mittendrin.

Spielkonzept: Die Umgebung als Herausforderung

The Long Dark wirft unsere Spielfigur in eine vorab generierte Spielwelt. In der First-Person-Ansicht schlagen wir uns dann durch diese Survival-Simulation. Fundorte von Vorräten und das Auftauschen von Wildtiere sind zufällig verteilt. Auch das Wetter, das einen großen Einfluss aufs Spiel hat, ist abhängig vom Zufall. „Erkundung“ und „Entscheidungen treffen“ sind zwei zentrale Elemente des Gameplays. Crafting und Kämpfe stehen hingegen eher im Hintergrund und können oft vermieden werden. Wer einen actiongeladenen Ego-Shooter erwartet, kommt definitiv nicht auf seine Kosten – dafür aber vielleicht zu dem Urteil: „der langweiligste Wandersimulator der Welt.“

Doch fesselt The Long Dark durch seine ganz eigene Philosophie: Eine Spielwelt muss schon an sich faszinierend sein, bevor es eine Story gibt, die an diesem Ort stattfindet. Das erreicht der Titel dadurch, dass viele der zu treffenden Entscheidungen mittelfristig tödlich-falsch sein können oder euch in lebensbedrohliche Situationen bringen. Wenn wir eine Lebensmittelvergiftung haben, müssen wir uns auskurieren und können in der Zeit kein Wild jagen. Und das, obwohl draußen gerade ideales Wetter dafür wäre. Wenn wir aber den verschimmelten Müsliriegel nicht essen, fehlt uns vielleicht die Energie für eine erfolgreiche Jagd.

Das Spiel kommt in der Sandbox und den Challenges komplett ohne „Handholding“-Elemente aus. Es gibt kein Tutorial, das Schritt für Schritt die Spielmechanik erklären würde. Die Designer erleichtern es uns dadurch, in die Spielatmosphäre einzutauchen. Teil des Survival-Gedankens im Spiel ist es, herauszufinden, wie etwas funktioniert.

Die fast schon philosophische Frage hinter dem Spiel interessiert das Team um Gründer von Hinterland Studio und Creative Director Raphael van Lierop besonders: „Wie weit würdest du gehen, wenn plötzlich das Licht ausginge, um nie mehr an zu gehen?“ Zu diesem Szenario hat er das Drehbuch für einen Film geschrieben, dessen Umsetzung geplant ist.

Spielmodi in The Long Dark

Ein Grundprinzip von The Long Dark ist der „Permadeath“. Es gibt zwar die Möglichkeit, das Spiel beim Betreten von Häusern oder durch Schlafen zu speichern, aber wenn ihr sterbt, ist das Spiel zu Ende. Alle Vorräte, die ihr euch hart erarbeitet habt, sind verloren und ihr müsst komplett von vorne beginnen. Da hilft es auch nicht, den letzten Spielstand laden zu wollen. Tot ist tot.

Survival-Modus: Kräftemessen mit den Naturgewalten in der „Sandbox“

In diesem Spielmodus gibt es ein Ziel: Wir müssen möglichst lange überleben. Damit hier nicht all zu schnell der Tod droht, können wir verschiedene Schwierigkeitsgrade einstellen. Die beeinflussen beispielsweise ab welcher Entfernung Wildtiere uns wahrnehmen und wie sie dann reagieren: Flucht oder Angriff? Auch Erschwernisse wie Parasiten in Tierfleisch oder Lagerkoller, der uns ins Freie treibt, treten erst in höheren Schwierigkeitsgraden auf.

Vorräte, die wir finden, sind irgendwann aufgebraucht, so dass wir uns für ein dauerhaftes Überleben auf jeden Fall mit der Jagd beschäftigen müssen. Aber auch Munition ist begrenzt und Pfeilspitzen können wir nicht überall herstellen. Daher kommt irgendwann sicher der Punkt, an dem wir unsere wichtigste Ausrüstung zusammen packen und von einer Region in die nächste umziehen.

Wer The Long Dark lange überleben will, muss früher oder später Nahrung jagen.
Wer in The Long Dark lange überleben will, muss früher oder später Nahrung jagen.

Für einen Spielmodus, der zu Beginn seiner Early-Access-Odyssee 2014 als „Sandbox“ konzipiert war, ist The Long Dark schon extrem gut spielbar und enthält inzwischen viele Story-Elemente. Wir finden zwar noch keine Auflösung für die zentralen Fragen der Spielwelt, aber die vielen kleinen atmosphärischen Details lassen teilweise echtes Kopfkino entstehen: Was ist beispielsweise Max zugestoßen? Eine sicher Unterkunft liegt hinter dem nächsten Hügel. Dennoch finden wir seine(?) Leiche an einem Ort, der „Max‘ letzter Widerstand“ heißt. Was ist hier passiert? Hat ein Raubtier ihn erwischt? War es ein Schneesturm, in dem er sich verirrt hat?

Challenge-Modus: Spezielle Herausforderungen erschweren die Sandbox-Erfahrung

Seit dem Update „Tireless Menace“ im April 2016 haben die Entwickler Challenges implementiert. In diesen Herausforderungen geht es darum – neben dem Survival in der lebensfeindlichen Spielwelt von The Long Dark – bestimmte Aufgaben zu erfüllen:

  • Hoffnungsloser Rettungsversuch: Aus einem Flugzeugwrack müssen wir eine Leuchtpistole bergen und sie oben im Leuchtturm abfeuern, um auf uns aufmerksam zu machen – ein wahrer Wettlauf gegen die Zeit.
  • Gejagt: Die Challenge besteht aus zwei Teilen: Erst jagt ein alter Bär uns quer über verschiedene Maps. Nur in Gebäuden sind wir sicher. Wenn wir in der Hütte des Pelzjägers das Bärentöter-Gewehr gefunden haben, wird der Spieß umgedreht und wir müssen den Bären jagen.
  • Schneesturm: Wir haben 30 Tage Zeit, genug Vorräte zusammen zu klauben, um den nahenden Schneesturm zu überstehen. Um die Häuser streichen die Wölfe und Vorboten des großen Sturms machen uns schon jetzt das Leben schwer.
  • Nomade: Wir verbringen an 15 vorgegebenen Orten je 36 Stunden. Ein ständiger Balanceakt zwischen leichtem Gepäck und dem Aufgeben wertvoller Gegenstände. Die Challenge eignet sich gut, um die Maps besser kennen zu lernen.

Der neue Custom Experience Mode mit den variablen Schwierigkeits-Einstellungen ermöglicht erste Ansätze von Nutzer-generierten Challenges. Man kann anderen zumindest die gewünschte Schwierigkeits-Einstellungen mit Hilfe eines Codes übermitteln. Von einem echten Modding oder einem „Level Editor“ ist das aber noch weit entfernt, auch wenn darüber im Hinterland-Forum diskutiert wird.

Was sich dort ebenfalls findet, sind eine Reihe Community-Challenges. Spieler stellen sich hier gegenseitig Aufgaben. Für die gibt es dann allerdings keine in-game-Mechanismen, die irgendwann sagen würden: „Aufgabe bestanden!“. So geht es in einer Community-Challenge zum Beispiel darum, ein Feuer nach kurzer Vorbereitungszeit sieben Tage lang dauerhaft brennen zu lassen oder das Wissen, das in Büchern erhalten ist, für die Nachwelt zu sichern.

Challenges von Spielern für Spieler überbrücken die Wartezeit, bis der Storymode fortgesetzt wird.
Challenges von Spielern für Spieler überbrücken die Wartezeit, bis der Storymode fortgesetzt wird.

Den eigentlichen „Story Modus“ Wintermute betrachten wir in einem späteren Review, wenn alle fünf Teile erzählt sind.

Unverwechselbare Grafik

Grafik ist immer auch Geschmacksache und die Spielgrafik von The Long Dark ist weit entfernt von einer fotorealistischen Darstellung. Die mit der Unity 5 Engine erzeugte Spielwelt erinnert stellenweise vielmehr an Scherenschnitte. Das macht aber den Charme des Spiels aus. Und es gelingt Hinterland Studios immer wieder, WOW-Effekte zu erzeugen. Besonders die Lichtstimmungen sind hier oft beeindruckend, gibt es doch vielfältigste Kombinationen von Tageszeit und Wetter. Dichter Nebel lässt oft kaum erahnen, wo die Sonne gerade steht. Es gibt aber auch kaltblauen klaren Himmel mit hoch stehender Mittagssonne und blendend weißem Schnee. Besonders beeindruckend sind aber auch Sonnenauf- und -untergänge, die in den verschiedensten Gelb-, Orange- und Rottönen daher kommen.

Sonnenuntergänge - je nach Wetterlage zartrosa bis blutrot
Sonnenuntergänge – je nach Wetterlage zartrosa bis blutrot

Mit den Nordlichtern, denen im Story-Modus eine besondere Rolle zukommt, haben die Entwickler eine weitere visuelle Komponente ins Spiel integriert. Unter sternklarem Vollmondhimmel dem Naturspektakel zuzusehen, lässt einen all zu leicht vergessen, dass es bitter kalt ist und man eigentlich Schutz suchen sollte.

Die Animation der Wildtiere ist zu Teilen sehr gut gelungen, beispielsweise bei den kleinen wendigen Hasen. Teilweise sehen die Bewegungen aber auch noch etwas „staksig“ aus. Das fällt besonders dann auf, wenn die Grafik-Engine in unebenem Gelände nicht genau berechnen kann, ob der Huf eines Hirschs jetzt eigentlich in den Schnee einsinken müsste oder ob das Tier an dieser Stelle senkrecht auf dem Untergrund steht. Zum Glück wurde hier aber viel optimiert und das Staksen passiert nur noch selten.

Laute Stille

Gerade in verlassenen Gegenden ist der Sound wichtig. Hallende Schritte im großen Turbinensaal des Staudamms. Knirschender Schnee unter den Füßen – oder sind das die Pfoten eines Wolfs im Schnee, die ihr da hört? Stehenbleiben – Lauschen – Stille. In The Long Dark ist es oft auch die Stille, die zur Atmosphäre beiträgt. Sie wechselt sich mit Hintergrundmusik ab, die je nach Ort und Situation variiert. Cris Velasco und Sascha Dikiciyan haben hier allein für den Survival Modus insgesamt 31 Minuten Soundtrack erzeugt. Im derzeitigen Gesamt-Spiel mit den Episoden 1 und 2 sind es schon 100 Minuten Soundtrack, welche die Spielwelt untermalen.

Ungeschickte Tastenbelegung

Die Steuerung des Spiels wurde so angepasst, dass man es auch auf Konsolen mit Gamepads spielen kann. PC-Spieler treibt das zuweil in den Wahnsinn. Eine Tastatur hätte theoretisch viel mehr Möglichkeiten, einer Spiel-Aktion genau eine eigene Taste zuzuordnen. Ein Gamepad hat das nicht, daher mussten Kompromisse eingegangen werden.

Besonders auffällig ist das, wenn ihr einen Gegenstand in der Hand haltet, zum Beispiel einen Stein. Den könnt ihr mit einem Linksklick werfen und mit etwas Übung so einen Hasen erlegen. Dummerweise benötigt ihr den Linksklick (länger gedrückt) auch zum Aufheben von Gegenständen. Dazu müsst ihr den Gegenstand aber  genau anvisieren. Wenn ihr daneben klickt, fliegt plötzlich ein Stein durch die Gegend, den ihr grad gar nicht werfen wolltet.

Ähnlich ist das mit einer Fackel. Wenn ihr die in der Hand haltet und Wasser kochen wollt, kann folgendes passieren: Ihr öffnet einen brennenden Ofen, um ins Koch-Menü zu gelangen. Der Ofen öffnet sich aber nicht. Stattdessen entzündet ihr die Fackel am Feuer. Beides liegt auf dem Linksklick.

Fazit: Schon jetzt gelungen

Die eisige Tundra von The Long Dark hinterlässt bei uns einen starken Eindruck. Das Konzept der auch ohne Story spielbaren Welt funktioniert prima. Es reizt nach einer Weile, Challenges auszuprobieren – offizielle und weitere, die von der lebendigen Community erdacht werden. Die Stimmung und Atmosphäre, die durch Sound und Grafik erzeugt werden, sind wirklich beeindruckend. Ein kleiner Wermutstropfen ist der Kompromiss bei der Steuerung, die manchmal einfach flüssiger und intuitiver sein könnte. Das kann den Gesamteindruck aber nicht erschüttern.

Die Aurora wird im Strory Modus Wintermute eine entscheidende Rolle spielen.
Die Aurora wird im Strory Modus Wintermute eine entscheidende Rolle spielen.

2 KOMMENTARE

  1. Hallo babs,
    Danke für das Feedback! Spielspaß ist natürlich ein Stück weit eine subjektive Kategorie. Wer Action am laufenden Band erwartet, wird in The Long Dark genauso enttäuscht werden, wie jemand, der ein Aufbau-Spiel erwartet. Ich bin bei der Bewertung davon ausgegangen, dass jemand das Spiel spielt, der ein ruhiges, atmosphärisches Erkundungs- und Survival-Spiel erwartet, bei dem der Fokus auf dem Kampf gegen die Naturgewalten liegt. Ähnlich ist es bei der Gameplay-Bewertung. Für die im Review betrachtete Sandbox-Version sind nach meiner Einschätzung schon überdurchschnittlich viel Spiel-Inhalte vorhanden. Naben der Erkundung einer riesigen Welt und den Spuren der ehemaligen Bewohner gibt es erste Challenge-Elemente, bei denen man über das reine Erkunden/Überleben hinaus gehen kann. Bei beiden Kategorien finde ich: 3-4 Punkte Abzug würden dem Spiel nicht gerecht.

  2. Hallo KlabauterMannLP,

    ich finde deinen Artikel gut geschrieben (positiv: v.a. die Kritik zur Tastenbelegung! Ist wichtig, es auch zu erwähnen!) !!
    Danke dass du dich auch mit den eher langweiligen Survival-Spielen auseinandersetzt. Nicht jedes Survivalgame ist spannender Überlebenskampf oder eine Jagd auf die schrecklichsten Kreaturen der Unterwelt. Manche grenzen – wie TLD – auch an einen kanadischen Walkingsimulator. Aber eben weil diese entspannende openworld Entdeckungsreise im Schnee eher Müdigkeit als Adrenalin in meinem Körper hervorruft, finde ich die Bewertung mit 7,6 zu hoch. Die Grafik ist… durchaus zu diskutieren. Aber bei Gameplay und Spielspaß könnten es auch 4-5 Punkte weniger sein.
    Darauf erstmal eine Traubenlimonade!

    babs

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