The Inner Friend - Surrealer Horror


Im Test: Die Windows-Version


PLAYMINDs The Inner Friend nimmt sich einer im Videospielbereich noch relativ unverbrauchten Thematik an: der Visualisierung des menschlichen Unterbewusstseins. Im Rahmen eines psychologischen Horror-Adventures musst du hier ehrenamtlich die Kindheitstraumata eines nicht näher beschriebenen Protagonisten aufarbeiten. Ob sich das auch für dich selbst lohnen wird?

Dieses Leben ist eines der schwersten

Wenn Alma Wade (F.E.A.R) einen Bruder hätte, dann wäre es wohl die Hauptfigur von The Inner Friend, denn auch er hält nichts von Bekleidung, körperlicher Symmetrie und ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen. Allerdings ist das fehlende beste Stück sein geringstes Problem. Als hätte der Arme nämlich bei minus 20 Grad an einer Laterne geschleckt und dann sein Gesicht auf die feuchte Stelle gepresst, fehlt ihm zudem – längs – der halbe Kopf. Kein Wunder also, könnte man meinen, dass er sich nun vor Schmerzen auf einer ausrangierten Matratze windet. Tatsächlich aber ist betreffende Intro-Szene rein symbolisch zu verstehen: Es geht um innere Zerrissenheit, Angst und Trauer; und im Folgenden um die tatkräftige Aufarbeitung der auslösenden Ereignisse.

The Inner Friend - Horror Game - Intro
Das Intro von The Inner Friend lässt erahnen, dass uns eine eher unkonventionelle Reise bevorsteht.

Dazu „schlüpfst“ du in den Kopf des Bedauernswerten, wo du in Gestalt eines papierartigen Jungen durch einen surrealen Kosmos aus Erinnerungsgebäuden schwebst. Und schwebst. Und schwebst. Denn The Inner Friend nimmt dich nicht an die Hand, es lässt dich unter Umständen sogar minutenlang durch den freien Raum gleiten. Bis du irgendwann vielleicht mal darauf kommst, dass des Rätsels Lösung (oder vielmehr der Eingang zu einer Erinnerung) irgendwo in den beleuchteten Gebäuden versteckt liegt. Immerhin: Die imposante Optik entschädigt dafür. Ob deswegen aber gleich jedem Abschnitt eine solche Hausbesichtigung vorstehen muss, sei dahingestellt – ich für meinen Teil bin vielleicht einfach zu wenig an leerstehenden Space-Immobilien interessiert.

The Inner Friend - Horror Game - Universum
In den beleuchteten Gebäuden finden sich die Eingänge zum jeweils nächsten Abschnitt … Muss man nur wissen.

Typische, aber ernstzunehmende Probleme

Obwohl letztere übrigens eine freie Levelauswahl suggerieren, ist der gesamte Spielverlauf streng linear. Alle Wege bzw. Eingänge führen also nach Rom – oder, wie zu Beginn, in ein scheinbar verlassenes Schulgebäude. Verlassen bist übrigens auch du, solltest du dir von The Inner Friend spannende Dialoge erhoffen. Um genau zu sein, enthält das Spiel nämlich keinen einzigen Dialog; stattdessen setzen die kanadischen Entwickler voll und ganz auf Environmental Storytelling, das sie, so viel sei vorweggenommen, sehr gut beherrschen.

So zeugen im staatlichen Lernbunker zahlreiche Kopien deines rissigen Pappkameraden davon, wie der Protagonist einst Darwins Thesen auf den Prüfstand stellte – und anstandslos anerkennen musste. Außerdem gibt sich hier ein zur Höllengestalt verzerrter Oberlehrer die Ehre, der dir wider Erwarten jedoch nicht auf die Pelle rücken will. Vielmehr hält er, per „Wutstrahl“, mutmaßliche Teile deiner Seele gefangen, die du nur durch das Lösen eines schlauen Rätsels zurückerlangst. Und hier liegt dann auch der Fokus von The Inner Friend, das sich somit recht gut als rätselhafter Innovations-Streak beschreiben ließe. Wenn auch mit einigen Ausnahmen; im Positiven wie im Negativen.

The Inner Friend - Horror Game - Schule
In gewissem Sinne lernt man in der Schule wohl tatsächlich fürs Leben …

Als da wären, auf der negativen Seite, mein persönlicher Tiefpunkt: die Kunstgalerie. Mit ihrem ziemlich genial umgesetzten Positionsrätsel ist sie spielerisch zwar erste Sahne. Jedoch umknuddelt das Setting den obskuren Kult-Streifen 2001: Odyssee im Weltraum derart heftig, dass selbst Ultra Ultra’s Echo daneben wie ein Original aussieht.

Auf der positiven Seite gibt es eine atmosphärisch wie inszenatorisch spitzenmäßige Verfolgungsjagd mit einem weintraubenköpfigen Glatzenschneider, und, was mir sogar noch besser gefallen hat, das gelegentliche Zwei-Charakter-Gameplay à la Ico (PS2). Auch bei diesem geht es darum, verlorene Seelenteile zurück nach Hause zu holen, nur, dass du sie hier sprichwörtlich bei der Hand nimmst. Der Clou ist hierbei die mäßige Folgefreudigkeit bzw. das temporäre Reißaus Nehmen deines anderen Ichs, da es an einige nette Kombinationsrätsel gekoppelt wurde. Ferner wirst du abtrünnige Seelenfragmente dann und wann anrufen und via „Echolot“ orten müssen – etwa (und vor allem) in einem geisterhaften Nebelwald.

The Inner Friend - Horror Game - Seelenrettung
Im Gegensatz zu dir kann ein Seelenfragment nicht die Ebene wechseln, sodass manchmal kluge Einfälle gefragt sind.

Unreal World

Im Nebel liegt übrigens auch die Antwort auf die Frage, ob PLAYMIND die Unreal Engine 4 aus symbolischen Gründen verwendeten – als einer der Hauptstützpfeiler für The Inner Friends hohe Qualität passt sie aber nicht bloß rein namentlich zum Spiel. FPS-Drops gibt es trotz der beeindruckenden Effekte nur einige wenige, auch Optikfehler (wie z.B. manchmal durch Wände „schneidende“ Lichtstrahlen) halten sich in engen Grenzen. Wirklich hässlich fand ich nur die unsauberen und manchmal knallharten Übergänge zwischen den Levels und dem Immobilienmakler-Kosmos. Aber das ist, ich gestehe es ja schon, typisch deutsches Gemecker („Bertha, das Ei ist hart“).

Hätten die Jungs – und bestimmt auch Mädels – aus Québec jetzt noch ein Schippchen bei den Soundeffekten sowie der Levelmusik draufgelegt, stünde am Ende dieses Reviews sicher eine Gesamtwertung oberhalb der 8. Aber auch in der mir vorliegenden Version 1.2 fühlte ich mich eingebunden genug, um irgendwann einmal meinen Enkeln – glitzernde Bonbons in ihre Mäuler stopfend – von diesem spielenswerten Psycho-Trip zu erzählen.

The Inner Friend - Horror Game - Hospital
Leidet der Protagonist etwa auch unter Hypochondrie?

Fazit: Triple-i-Horror für innovationsliebende Gamer

The Inner Friend ist ein qualitativ hochwertiges Horror-Adventure, das sich vor allem an anspruchsvolle Zocker richtet. Hier gibt es kein dämliches Zahlenschloss-Geraffel, und auch Waffen finden in diesem Spiel keinen Platz. Gegner werden vielmehr in Formationsrätseln umgangen, nur selten kommt es zu (toll inszenierten) Verfolgungsjagden. Wer seinen Verstand gerne in Kubrick-Manier durch den Wolf drehen lässt, der liegt bei PLAYMINDs digitalem Kunstwerk goldrichtig. Die Spielzeit ist mit circa zwei bis drei Stunden zwar zu kurz, und auch der Wiederspielwert ist, trotz eines Köders für „Komplettionisten“, gering. Den Preis von momentan 12,49 Euro (Steam) halte ich jedoch allemal für gerechtfertigt.

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