Kingdom Come Deliverance Test - Survival Check

Wenn sich die Survivethis-Redaktion in lange, schwarze Roben hüllt und geschlossen die hundert Stufen zum hauseigenen Seziertisch hinabsteigt, ist es wieder mal soweit: Unter dem Vorwand „Wie viel Survival steckt in…?“ wird gleich ein Spiel in digitale Scheibchen geschnitten. Ist The Sims 4 mehr als nur eine Lebenssimulation? Steckt in Arx Fatalis womöglich mehr Survival als in Fortnite? Während wir uns analytisch in den Eingeweiden genrefremder Unterhaltungssoftware suhlen, erfahrt ihr, ob der zerlegte Kandidat etwas für den festgefahrenen Survival-Geschmack sein könnte. In diesem Sinne begrüßen wir heute bei uns im OP: Kingdom Come: Deliverance von Warhorse Studios.

Da ist es also, Kingdom Come: Deliverance; ein Open-World-Rollenspiel, wie es die RPG-Verschlanker von Bethesda Softworks kaum mehr fürchten könnten. Denn in Warhorse Studios’ stark magiereduziertem Mittelalter-Epos haben wir tatsächlich noch das Gefühl, eine Rolle zu spielen – auch wenn es nur die eines schmächtigen und relativ unbedeutenden Schmiedsohnes ist.

Jener hört auf den Namen Heinrich, panzert wie eine kiloschwere Pen-and-Paper-Figur über die Schnellreisekarte, und verändert mit bloßen Worten das geschichtsträchtige Geschehen im mittelalterlichen Böhmen. Sonst noch etwas? Aber ja: Kingdom Come manövriert das Rollenspiel-Genre zuweilen so nahe an die Survival-Sparte, wie womöglich zuletzt Arx Fatalis. Eine große (und überaus angenehme) Überraschung.

„Ich könnte jetzt wirklich einen Happen vertragen“

Allerdings ergibt sich besagte Nähe schlicht aus dem von den tschechischen Entwicklern großgeschriebenen Realismus. Denn statt zauberstabfuchtelnder Glitzerfeen gibt es in Kingdom Come: Deliverance lediglich stählerne Krieger mit eisernen Argumenten; und statt klassischer Ratten-Quests à la Baldur’s Gate bedient uns das Spiel mit dem zuweilen knallharten, anachronistischen Alltag des Jahres 1403 – im Kriegszustand.

Kingdom Come Deliverance Test - Schnellreise Map
So was kennt mancher vielleicht aus analogen RPGs: Heinrich schlürft in bester Pen-and-Paper-Manier durch Böhmen.

Somit machen uns zum Beispiel neben den brandschatzenden Armeen Sigismunds, dem damaligen König von Ungarn und Kroatien, sehr reale Probleme wie Hunger und Müdigkeit zu schaffen. Hat uns das historische Sandmännchen also einen ordentlichen Schwung Sand in die Augen gekippt, hängt unser Kopf gerne mal wie eine Bleikugel vom Torso herunter. Das sieht klasse aus, ist aber unvorteilhaft, da es ungeachtet der Spielsituation geschieht und, temporär, mit einer stark verschwommenen Sicht einhergeht.

Und der Hunger? Ach je: Dieser schwächt den Protagonisten natürlich – und lässt ihn schlussendlich sogar sterben. Das eigentliche Problem jedoch stellt die Bedienung jener Bedürfnisse dar, denn anders als in den meisten Fantasy-RPGs können wir in Kingdom Come nicht in jeder beliebigen Hütte vom Tellerchen essen oder gar im Bettchen schlafen. Besonders in Sachen Ruheplatz wird unser vorerst nur mit popeligen Glückssteinen gefüllter Geldbeutel herhalten müssen. Aber auch stark sättigende Nahrungsmittel haben ihren Preis – wie zum Beispiel den der Jagd.

Kingdom Come Deliverance Test - Kampf gegen den Hunger
Der Kampf gegen den Hunger: Unsere stetig sinkende Sattheit ist nicht nur lebensbedrohlich. Denn ein niedriger Wert beeinträchtigt uns in vielem, was wir tun.

Schmied, Jäger und Sammler

Dabei könnte das Jagen eigentlich sogar eine recht angenehme Erfahrung sein, so man der Gattung industriell versorgter Omnivoren angehört – oder schlicht dazu in der Lage ist, einen Trennstrich zwischen virtuelle und reale Häschen zu ziehen. Denn selbst die neuen Tech Demos für Unity 5 und Unreal 4 nehmen den dichten Wäldern Böhmens kaum etwas von ihrer Authentizität.

Aber der Pfeil und der Bogen, Warhorse Studios … Der Pfeil und der Bogen. Als habe Heinrich mit dem (trink-)seligen Lemmy Kilmister angestoßen, schaukeln sie zunehmend hin und her – bis der völlige Verlust seiner Kräfte (bzw. seiner Ausdauer) den jeweiligen Pfeil auf den Mond befördert. Also genau dorthin, wo viele Spieler gerne das gegenwärtig noch etwas fragwürdige Speichersystem sähen.

Kingdom Come Deliverance Test - Jagd
Das Bogenschießen ist in Kingdom Come: Deliverance ein Krampf, denn die Waffe wackelt sehr stark und unnatürlich.

Ganz grundsätzlich funktioniert das Speichern zwar kaum anders als im ungnädigen Survival Mode von Far Cry: Primal – und so erfolgen Saves ausschließlich bei nennenswertem Quest-Fortschritt oder, ausreichend schwere Augen vorausgesetzt, in Schlafstätten. Was grundsätzlich okay ist. Wenn wir aber nach einem ausgedehnten Jagdausflug zwecks Speichern in die Falle hüpfen wollen und der Absturz der Version 1.2 wieder einmal vorher erfolgt – dann dürfte sich auch der traditionellste Jäger einfach nur eine Kalaschnikow herbeiwünschen.

Wir wollen krank werden dürfen

Da wir allerdings davon ausgehen, dass die Entwickler hier fleißig nachbessern werden (u.a. ist bereits eine Save-&-Exit-Funktion angekündigt), liegen die wahren Verbrechen der Tschechen ganz woanders. Da wäre beispielsweise das völlig unterrepräsentierte Thema der Krankheit: Die Pest etwa hat ihren großen Auftritt lediglich im Rahmen einer (wenngleich sehr gelungenen) Quest. In nur einer Quest; in einer Zeit, in welcher einem Menschen kaum drei Dekaden zur Selbstfindung blieben. Das ist – nicht nur aus Survival-Sicht – besonders sträflich und bedarf dringend eines Pocken-Patches.

Kingdom Come Deliverance Test - Glaubwürdige Welt
In Kingdom Come: Deliverance können wir die glaubwürdige Mittelalter-Welt auch per Pferd erkunden.

Ferner, und das ist fast noch schlimmer, fehlen Kingdom Come: Deliverance selbst RPG-übliche Crafting-Möglichkeiten. Zwar gibt es einen durchaus ausgeklügelten Alchemie-Part, der uns das Herstellen bitterer Arznei erlaubt. Wollen wir jedoch Waffen schmieden oder Rüstungsteile verbessern, werden wir abermals auf Bethesdas (oder auch Piranha Bytes’) Backkatalog zurückgreifen müssen.

Kingdom Come Deliverance Test - Alchemie
Das ist sie – die Arbeitsumgebung ein jeder reaktionären Kräuterhexe.

Was sagen Sie dazu, Herr Crusoe?

Für Survivalisten empfiehlt es sich, Warhorse’ stolprigen Erstling im Auge zu behalten. Denn schon jetzt ist Kingdom Come: Deliverance ein sehr authentisches und forderndes RPG, dessen Survival-Anleihen sich gut und gerne noch ausweiten könnten. Die Einbindung einer Permadeath-Option zum Beispiel wurde von den Entwicklern bereits in Betracht gezogen; außerdem sollen unerwünschte Survival-Elemente wie das Knacken von Schlössern oder die furchtbare Taschendiebstahl-Mechanik weiter optimiert werden.

Mit Amboss-Schlägeleien oder gar Base Building dürfte hingegen nicht zu rechnen sein. Der Standort unserer mittelalterlichen Domizile ist und bleibt – zumindest bis zum hoffentlich erscheinenden zweiten Teil – Himmelsrand, Cyrodiil oder Vvardenfell.


Genrefremde Software im Survival Check

Wie viel Survival steckt in…

  • Kingdom Come: Deliverance?
  • Elex?

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