Resident Evil 2 Remake Test


Im Test: Die Windows-Version


Mit dem Remake von Resident Evil 2 kehrt ein ganz großes Stück Survival-Horror-Geschichte zurück. Stark modernisiert und durch die RE Engine getrieben, bleibt das Zombie-Epos dennoch ein klassisches Computerspiel. Kann der initiale Playstation-Opa seinen ausgefeilten Enkeln wirklich noch die Stirn bieten?

Von wegen in Sicherheit…

In der Rolle des frischgebackenen Polizisten Leon S. Kennedy habe ich heute Dienst im zombieverseuchten Racoon City. „So habe ich mir meinen ersten Tag nicht vorgestellt“, sagt der recht ordentlich synchronisierte Gesetzeshüter – „War klar, dass du das sagen würdest“, lautet meine nicht synchronisierte Antwort. Zum vermeintlich rettenden Polizeirevier sollte ich mich begeben, doch in Wahrheit geht gerade hier die Luzi ab. Entsprechend aberwitzig ist auch meine Mission: „Rette dich aus dem ‚kontaminierten‘ Polizistenbunker“, geh wieder zurück nach Zombiehausen.

Resident Evil 2 Remake Test - Claire Polizeistation
Der Weg zur Polizeistation ist kurz, aber heftig – hier aus Sicht der Protagonistin Claire.

Dahingehend erleuchtet, dass Jungpolizisten niemals ein Funkgerät tragen und Zombies sich mitunter von Telefonmasten ernähren, stehe ich in einem dunklen, abgewrackten Korridor. Wasser träufelt wie Regen von der Decke, aber es bleibt mir keine Zeit, selbige auf ein Loch hin zu überprüfen. Denn unter lautem Splittern krachen jetzt Zombiearme durch die Fenster; laut und deutlich schreien sie Resident Evil 1. Stichwort: Alles „Gute“ kommt durchs Fenster, wobei die Köter diesmal weitgehend in die Tiefgarage des riesigen Gebäudes verbannt wurden.

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Ich schieße nicht, denn „Resi 2“ ist Survival-Horror der alten Schule – hier muss jede Kugel achtmal umgedreht werden. Doch just in diesem Moment, merde, schwingt sich einer der Angreifer durch das Fenster hinter mir. Im Funzellicht der flackernden Bodenlampe versuche ich sofort, den Lauf meiner Pistole auf seinen Kopf zu richten. Peng, Treffer eins und zwei: Der unselige Polizistenkollege sackt zu Boden. Darf ich nun „Im Dienst verstorben“ zu Protokoll geben? Nein: Der hartnäckige Hirngenießer packt mich am Bein, verletzt mich leicht und stellt sich stöhnend wieder auf. Es ist phänomenal, mit welcher Macht mich der lahmende Wiedergänger in die Grapscher der nun ebenfalls durchs Fenster gestiegenen Untoten zurückdrängt. Aber dann, nach weiteren drei Kopftreffern, bleibt er schließlich liegen und der Weg ist frei. Puh…

Resident Evil 2 Remake Test - Leon Polizeistation
Dieses Remake ist alles andere als eine Schießbude – wirklich effektive Treffer sind nur schwer zu landen. (Leon)

Wie viel Original ist gut?

Situationen wie diese erlebst du in Resident Evil 2 zuhauf. Auch mit der Menschenrechtsaktivistin Claire Redfield, die sich als zweiter spielbarer Charakter durch das Polizeirevier zittert. Leider wurde der TerraSave-Kämpferin keine ureigene Kampagne spendiert, aber das kann uns Capcom ruhigen Gewissens als originalgetreu verkaufen. Überhaupt darf sich das heiß erwartete Remake im Hinblick auf Story und Game-Design sehr originalgetreu nennen; die einzige prägnante Ausnahme macht das ausschließlich für Claire verfügbare Waisenhaus-Setting.

Resident Evil 2 Remake Test - Leon & Claire
Sagen sich dann und wann Tagchen: Leon und Claire. Alle Cutscenes heben sich merklich von der In-Game-Grafik ab.

Und das ist gut so, oder? Denn nichts anderes wollten wir ja: Resident Evil 2 im modernen Gewand, ohne die reichlich in die Jahre gekommene, statische Überwachungskamera-Perspektive, ohne die durch die Wäscheschleuder gejagten Bodentexturen. Aber funktioniert das altehrwürdige Zombie-Abenteuer überhaupt ohne Überwachungskameras? Da good ol’ Resi 2 einen nicht unwesentlichen Teil seines Horrors aus nicht einsehbaren Winkeln bezog, war ich diesbezüglich sehr skeptisch. Capcom würde schwere Geschütze auffahren müssen, um den Wegfall dieses enorm wichtigen Elements zu kompensieren.

Womit wir bei einer guten Nachricht wären: Die Japaner haben es getan, sie haben einen massiven Tunnel in die Hölle gegraben, um die Privatkapelle des Leibhaftigen bei den Proben für die Apokalypse aufzuzeichnen. Bei der Gelegenheit scheinen sie auch gleich ein paar echte Zombies zu Motion-Capturing-Zwecken geklaut zu haben, denn anders lässt sich das extrem bedrohliche Spielgefühl des neuen Resident Evil 2 kaum beschreiben. Man glaube es mir, wenn ich es sage: Nichts außer Börsenberichten langweilt mich mehr als Zombies. Doch diese Zombies, ja – sie sind wirklich evil.

Resident Evil 2 Remake Test - Licker
Was kriecht am Boden und ist unbeliebter als Genitalpilz? Ladies and Gents: Der üble, sehr üble Licker.

Old School vs. New School – 1:0

Während also die taktisch angehauchten Konfrontationen mit Zombie, Licker & Co in atmosphärischer wie übrigens auch in technischer Hinsicht kaum schöner sein könnten, liegt eine weitere Stärke des Resi-2-Remakes in seinem zuweilen matschtexturigen Old-School-Game-Design. Es macht einfach Spaß, endlich wieder mal nach Herzenslust Zimmerpflanzen (alias Heilkräuter) zu futtern. Oder verschiedene Gewächse per rudimentärem Crafting zu kombinieren. In einem Polizeirevier dreifach versiegelte Geheimgänge entdecken zu können (in einem Polizeirevier!) – und über herrlich schamlose Logiklücken zu lachstolpern.

Infizierter Leutnant Marvin Branagh: „Nein, geh allein. Ich will nicht, dass es sich ausbreitet!“
(Die ganze Stadt ist voller Zombies.)

Resident Evil 2 Remake Test - Grafik
Das Remake von Resident Evil 2 hat zumindest in optischer Hinsicht Schattenseiten.

Hardcore-Zocker bzw. „alte Fans“ der Reihe dürften sich außerdem darüber freuen, dass einschneidende Modernisierungen wie der assistierte Modus mit Zielhilfe und Teilregeneration optional sind; einzig den gelegentlichen Autosaves wird niemand entgehen können, wobei der primäre Speicherort auch im Remake Schreibmaschine heißt. Nichtsdestotrotz gibt es da eine Sache, mit der so mancher Kenner wirklich hadern könnte, und das wäre der im Original nicht erfolgte Auftritt von Mr. X in der Leon-Kampagne.

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Für meinen Geschmack war es der richtige Zug, denn der im späten Spiel ständig herumpesternde Verfolger ist derart übermächtig, ein solcher Gigant, dass es das Endgame erst richtig spürbar macht. Allerdings ist besagte Bio-Dampfwalze im Agent-Wichtig-Look nicht immer der Schlaueste: So gönnte ich mir mit ihm einen nicht allzu nervenaufreibenden Bücherregal-Rundlauf, bei dem er mich nach ein paar Umdrehungen komplett aus den Augen verlor. Seine grandiose Schlussfolgerung? „Aus den Augen, aus dem Sinn. Ich geh jetzt erst mal nach Hause“.

Resident Evil 2 Remake Test - Mr. X
Der wohl schlimmste Schlimmling des Spiels – jetzt auch für Leon: “Mr. X”.

„Shut up and take my money? Machen wir glatt!“

Aber das alles ist Jammern auf hohem Niveau, wie man so schön sagt – der einzige echte Kritikpunkt liegt im Preis des Spiels, der nämlich schlappe 59,99 Euro beträgt. Natürlich: Das Resident-Evil-2-Remake ist unter großem Aufwand entstanden. Doch der wohl größte Zeitfresser der Spieleproduktion, das Game-Design, entfiel für Capcom nahezu gänzlich.

Was bleibt, ist eine altbekannte und nur gut sieben Stunden andauernde Kampagne für – wie man angesichts der marginalen Unterschiede sagen muss – zwei Charaktere. Und das macht die Neuauflage von Resident Evil 2 klar zu einem Fall für den Sale, nur, dass die wenigsten bis dahin werden warten wollen. In diesem Sinne: Ich habe es versucht (Karma +1).

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