Phoning Home - Absturz


Im Test: Die Windows-Version


Sonderling detected: Phoning Home ist ein Adventure-Titel, der in der Masse der Genre-Neuerscheinungen besonders auffällig hüpft und winkt. Unsere Aufmerksamkeit erhaschten hier zum einen die glanzvolle AAA-Optik (dürfen Indie-Studios so was überhaupt?) und zum anderen die recht offenkundigen Kinoblockbuster-Referenzen.

„Phoning home“? E.T. – Der Außerirdische, 1982. Das Antlitz des Protagonisten? Nummer 5 lebt, 1986. Die Story? Wall-E, 2008. Ob viele gute Zutaten den Brei genauso verderben, wie viele eifrige Köche, zeigt unser Test.

„Dies ist keine Übung!“

Allzu originell beginnt Phoning Home sicherlich nicht: Mal wieder umarmt ein Raumschiff die Schwerkraft eines unbekannten Planeten etwas zu sehr und – Rums! – ist es auch schon auf Augenhöhe mit den Regenwürmern. Interessant ist allerdings, wie cineastisch und professionell in diesem Fall abgestürzt wird. Einen direkten Vergleich mit der opulenten Einleitung Subnauticas müsste der schneidige Intro-Schnipsel keinesfalls scheuen.

Phoning Home - Crash
Sieht nicht so aus, als kämen wir allzu bald von hier weg…

So richtig interessant wird es jedoch erst mit dem „Inhalt“ des verunglückten Fluguntersatzes, denn dieser spuckt nicht etwa einen Astronauten auf den Boden der Fremde, sondern einen kleinen Roboter. Als vermeintliches Studiomaskottchen der deutschen Entwickler ION LANDS hört er auf den Namen, na so was, ION – und ION muss als erstes die Kommunikationsanlagen des Schiffs reparieren, wozu er unsere Hilfe benötigt.

Halt, noch nicht. Potentielle Helfer sollten unbedingt der imaginären Stellenausschreibung des geschwätzigen Bordcomputers „EU_18TR289x65“ Beachtung schenken:

  • IONs Steuermann muss ausgedehnte Wald- und Wüstenspaziergänge lieben.
  • Er muss es sich gefallen lassen, dass ich ihn – wie auch meine mobile Einheit – ein wenig an die Hand nehmen werde.
  • Dieser physikalisch abnorme Ort ist keine Schießbude. Längere Phasen der Ereignislosigkeit sind vor allem zu Beginn stillschweigend hinzunehmen.
  • Ich werde Witze erzählen.

Friede, Freude, Lavaströme

Verstanden und akzeptiert? Dann können wir ja ausschweben, um die für die Reparatur benötigten Resourcen zu beschaffen. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn anders als sein rollendes Kinovorbild verfügt unser kleiner Held über eine praktische Steuerdüse. Seine Handhabung beeinflusst dies allerdings kaum – ganz im Stile eines Nummer 5 oder auch C-3PO lässt uns die linke Umschalttaste „sprintschweben“, die Leertaste „sprungschweben“ und die linke Maustaste miesepetrige Aggressoren bestrafen.

Phoning Home
Phoning Home geizt nicht mit Momenten zum Stehenbleiben.

Letzteres tun wir zunächst (sehr Survival- bzw. Zurvivalgerecht) mittels eines gebogenen Metallrohrs, das wir auf Anraten von „EU_18TR289x65“ gleich nach dem Absturz an uns nehmen. Je nach Spielstil könnte es aber sein, dass wertes Kopfklopfrohr zwei Stunden lang nur zum um die Ecke schauen gut sein wird, da wir in einem verdammt unbelebten Teil des Wald- und Wüstenplaneten niedergegangen sind.

Glücklicherweise weicht diese anfängliche No-Man’s-Sky-Langeweile mit der Zeit einer tiefergehenden und teils gesellschaftskritischen Story, die fast zwangsläufig auch das Gameplay erweitert. Sobald es nämlich nicht mehr um Notsignale, sondern um männliche und weibliche Bordcomputer sowie um eine vermisste Robotin – ANI – geht, beginnt die Spielwelt zu atmen.

Phoning Home - Überraschung!
Oh … Wissen Sie, ich kam nur zufällig vorbei und dachte – äh, ich muss dann auch schnell weiter.

Plötzlich türmen sich triste Felsanreihungen zu gewaltigen Steingolems auf – und scheinbar intelligente Energiefelder jagen uns durch das vormals friedliche Biotop. Sogar mutmaßliche Pterosaurier betreten die Bühne und untermauern die Vermutung des Bordcomputers, dass der grüngelbe Planet nicht nur alle geltenden Gesetze der Physik auf den Kopf stellt. Nein, hier scheint etwas sehr „Großes“ und ziemlich Übles im Gange zu sein.

Ein Fall für Zwei

Meist mit ANI im Schlepptau, craften, rätseln und schießen wir uns jenem dunklen Geheimnis entgegen. Neben organischen und anorganischen Gegnern plagen uns Korrosion (wer rastet, der rostet) sowie Energie- und Benzinverbrauch. Entsprechend empfiehlt es sich, jede nicht niet- und nagelfeste Ressource einzutüten und frühestmöglich das Tragelimit der Bots zu erhöhen.

Derartige Upgrades werden im Inventar der Mechanoiden vorgenommen, wo sich auch das selbsterklärende Crafting-Menü befindet. Wir kennen die Prozedur: X + Y = Z, oder auch W + X + Y = Z. Auf diese Weise entstehen neben wertvollen Kraftstoffen und Panzerungserneuerungen auch durchschlagskräftige Schusswaffen wie z.B. die Photonen-Pistole, ohne die wir besonders große Gegner nicht einmal zu kitzeln vermögen.

Phoning Home - ION und ANI
Und plötzlich warens zwei: ION trifft seine potentielle Gefährtin ANI.

Zu den interessantesten Produkten der Robo-internen Crafting-Fabrik zählt ohne Frage das Gerät zum Öffnen von Teleportationsportalen, dessen Nutzung aber mit einer Spaßbremse gekoppelt wurde. So können Portale grundsätzlich nur in Nähe metallischer Objekte geöffnet werden, was potentiell lustige Teleportationsspielchen kaltschnäuzig vereitelt.

Ich schau dir durch die Berge, Kleines

Als Kontrastprogramm zu den beinahe britischen Wäldern der Absturzzone gibt es auf Seiten der Technik jede Menge Sonnenschein. Die vom Entwickler empfohlene Hardware lässt die gar nicht mal so außerirdischen Landschaften stets sanft an uns vorbeibuttern, während schicke Partikel- und Kameraeffekte unser Auge zusätzlich verwöhnen.

Beautiful view
Wollen wir überhaupt zurück, ANI?

Wie in so vielen Spielen ist es erst der nähere Blick, der den prächtigen Panoramen (ein wenig) ihre Schönheit nimmt. Enttäuscht blicken wir manchmal auf hässlich grunzende Bodentexturen, die von der Plattkrankheit befallene Leuchtblumen empor sprießen lassen. Auch kann der nähere Blick unter Umständen sogar Hügel durchleuchten, doch Derartiges fällt in den Bereich der Kavaliersdelikte – gerade in Anbetracht der extraterrestrisch hübschen Polleneffekte.

Über Spielspaß trübende Bugs sind wir während unseres Spaziergangs übrigens nicht gestolpert, wenngleich wir deren Existenz nicht ausschließen wollen. Mit Bugs ist es nämlich manchmal wie mit Außerirdischen: Sie existieren im Verborgenen. (Nicht wahr, Erich?)

Summa summarum

Ein Spiel wie Phoning Home sehen wir nicht alle Tage, denn es kombiniert Open-World-Survival-Gameplay mit den Merkmalen linearer Adventures und der beinahe meditativen Ruhe eines Walking-Simulators. Wer der Erforschung hübsch gestalteter Spielwelten also nichts abgewinnen kann, wird ION LANDS´ grundsätzlich gelungenen Erstling sehr schnell beiseiteschieben.

Selbiges gilt für Wegmarker-phobische Überlebenskämpfer mit Suchzwang, die sich vom schwer verräterischen Radar am oberen Bildschirmrand getriggert fühlen könnten. Es gibt nämlich keinen Rohstoff, der sich vor diesem Fuchs von einem Radar verbergen könnte.

Im Kern ist Phoning Home also – irgendwo leider – kein Stranded Deep mit Robotern, sondern ein relativ lineares Action-Adventure mit einer unnütz großen Spielwelt. Der atmosphärische Titel richtet sich an diejenigen, die nach Feierabend vor dem Computer entspannen und sich auf technisch hohem Niveau eine nette Science-Fiction-Story erzählen lassen wollen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Story
7
Grafik
7
Sound
8
Gameplay
6
Spielspaß
7
QUELLESurvivethis
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Alex zockte schon zu Zeiten, als Nintendos Mario noch „Jumpman“ hieß: sein allererster High Score datiert auf 1981. Als Kenner alter Maschinen blickt er für Survivethis nicht nur zurück, sondern liefert auch News zu aktuellen Survival-(Horror-)Titeln. Nach Redaktionsschluss vertont er meist die Pixel-Art-Spiele seines kleinen Indie-Teams.

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