Zu Teil 4

Amelie begann die große Treppe hochzugehen und wir setzten uns ebenfalls in Bewegung. Josie blieb an der Tür stehen und schaute uns hinterher, Marie tauchte rechts von Benny auf. Seite an Seite gingen wir die lange Treppe hinauf, weiter hinter Amelie her. Wir gingen einen langen Flur entlang, verschiedene Gemälde hingen links und rechts an den Wänden und zwischendrin ging immer wieder eine Tür nach links ab, während auf der rechten Seite eine Fensterfront war. Mein Blick schweifte an Sascha, Benny und Marie vorbei aus dem Fenster.

„Alles in Ordnung bei dir?“, Marie sprach mit mir aber ich nickte nur als Antwort. Leicht enttäuscht guckte sie wieder den Gang hinunter.

„Hier rein, setzt euch einfach irgendwo hin!“, Amelie hatte eine Tür auf der linken Seite aufgestoßen und stand im Türrahmen.

Einer nach dem anderen betraten wir den Raum, Benny ging voran und guckte auf den Boden, als er an Amelie vorbei kam. Sascha folgte ihm und betrachtete den Raum genauer beim betreten, Marie war dicht hinter ihm und wechselte einen schnellen Blick mit Amelie, als würden sie sich dadurch unterhalten können. Ich ging als letzter an Amelie vorbei, sie schloss die Tür hinter mir und ging an unserer kleinen Gruppe vorbei.

Der Raum, den Amelie Salon genannt hatte, war groß, sehr groß. Auf beiden Seiten des Raumes standen meterhohe Bücherregale, ein Kamin war an der Front angebracht und mehrere Sitzgruppen, bestehend aus Sesseln, Stühlen und Kissen, waren im Raum verteilt. Der Boden war aus Holz und sah aus, als wäre er täglich gereinigt worden. Als ich zur Decke schaute, entdeckte ich verschiedene Ornamente aus Stuck.

„Ziemlich beeindruckend, nicht wahr? Wer auch immer hier gelebt hat muss mehr als nur reich gewesen sein!“, Marie stand neben Amelie und hüpfte vor Begeisterung fast auf und ab.

„Ziemlich beeindruckend, ja. Wie seid ihr hier reingekommen?“, wenigstens ein paar Fragen wollte ich schnell loswerden.

„Eins nach dem anderen jetzt! Setzt euch erstmal und dann kommt alles weitere!“, Amelie hatte keine Lust direkt auf meine Fragen einzugehen und ich widersprach nicht.

Benny, Sascha und ich gingen auf die Sitzgruppe zu, die in der hinteren rechten Ecke stand und setzten uns. Sascha nahm einen hohen Ledersessel, Benny schnappte sich eins der großen Sitzkissen und so nahm ich auf dem breiten Ledersofa platz. Marie setzte sich direkt und ohne zu zögern neben mich und Amelie blieb vor uns stehen.

„Jetzt kanns losgehen. Ihr habt bestimmt eine Menge Fragen und auch die momentane Situation ist bestimmt nicht leicht zu verstehen. Ich versuche also so viel wie möglich zu beantworten aber auch wir wissen nicht alles, bedenkt das bitte!“

Zumindest war sie bereit uns Fragen zu beantworten, ich hatte sie anscheinend wirklich falsch eingeschätzt.

„Wer seid ihr eigentlich und was macht ihr hier?“, Benny stellte die erste Frage und ich hätte dasselbe gefragt.

„Wir sind alle zusammen auf die selbe Hochschule gegangen, alle in einem Jahrgang. Als das alles passierte waren wir gerade unterwegs mit dem Kurs. Wir fuhren mit dem Bus und wollten in die nächste Stadt, ein Labor für Krebsforschung besuchen, als plötzlich unser Bus angehalten wurde. Ein Dutzend Männer stürmten den Bus, schwer bewaffnet und nahmen uns alles weg: Koffer, Verpflegung und Benzin. Unsere Lehrer waren überfordert und konnten nichts tun. Wir beschlossen uns aufzuteilen und in alle Richtungen nach Hilfe zu suchen. Ich bin mit den Leuten, die ihr vorhin gesehen habt in den Wald, bis wir auf dieses Haus stießen. Wir hatten keine Ahnung wie wir zurück zur Straße kommen sollten oder sonst ein Ziel und so beschlossen wir hierzubleiben. Mittlerweile sind wir 2 Wochen hier ohne Kontakt zur Außenwelt, die Haustür stand offen und der Keller ist voll mit Vorräten. Solange wir nichts hören, was draußen in der Welt passiert, bleiben wir hier.“, Es war sichtbar, dass Amelie es nicht leicht fiel uns diese Geschichte zu erzählen und ich fühlte mich merkwürdig hilflos in diesem Moment.

„Jeder spricht immer nur davon, dass „etwas“ passierte! Was ist denn passiert? Warum wird man auf offener Straße überfallen? Warum werden wichtige Personen und Forscher evakuiert und in geheime Einrichtungen gebracht?“, Sascha wollte Antworten und auch mir schwirrten genau diese Fragen im Kopf herum, wir wussten noch nichts darüber, was eigentlich genau passiert war.

„Das ist alls so furchtbar kompliziert, keiner weiß das genau und es gibt keine Informationen für die Bevölkerung! Das Handynetz und Internet sind eingebrochen, die Telefonleitungen tot, in der Ferne hören wir immer wieder Explosionen und Schüsse und wir laufen im Kreis und wissen nicht was wir tun sollen, es ist zum verzweifeln!“, Marie sprach mit schneller hektischer Stimme und fing an gegen Ende ihrer Rede zu schluchzen, ich fühlte mich zum zweiten Mal in kurzer Zeit total hilflos.

„Marie hat Recht, wir wissen nicht viel, was wir wissen ist, dass es eine Gruppe von Banditen hier in der Gegend gibt. Angeführt werden sie von Ray, gesehen hat ihn noch nie jemand aber auch die Leute, die euch überfallen haben gehörten zu ihm! Wir wissen, dass ebenfalls das Militär in der Nähe ist und verschiedene Einsätze durchführt, warum ist uns allerdings nicht klar. Uns ist es gelungen, mit einer Amateurfunkausrüstung im Keller eine Funkfrequenz abzufangen. Die Leute sprechen immer wieder von einem aggressiven Virus und einem Patienten 0, worum es allerdings genau geht war nie Thema in den Übertragungen, vielleicht finden wir mit euch zusammen noch mehr heraus.“, Amelie hatte definitiv mehr Ahnung als Marie und blieb eiskalt während sie sprach.

„Das klingt als wäre irgendwas dramatisch schiefgelaufen, unsere oberste Priorität sollten jetzt erstmal Informationen sein, dazu brauchen wir Unterstützung von allen in der Gruppe. Meinst du, dass jeder mitmachen würde?“, Ich versuchte irgendwie einen roten Faden für die nächsten Tage festzulegen und Amelie schien das zu gefallen.

„Ich rede mit allen und wir sollten generell eine Vorstellungsrunde machen, einfach damit wir uns neu organisieren und zusammen mehr rausfinden können“

„Das klingt erstmal nach einer guten Planung, ich bin mir sicher, dass wir dadurch bestimmt zusammen eine Menge erreichen können.“, Benny fand zumindest die passenden Abschlussworte und erntete ein Lächeln von Marie dafür, das entging weder mir noch Amelie.

Wir saßen in der Runde und überlegten wie wir die nächsten Tage weiter vorgehen wollen bis urplötzlich und ohne Vorwarnung ein Schrei aus dem Erdgeschoss zu uns herauf drang. Schrill und markerschütternd und so voller Panik, dass sich mein Herzschlag verdreifachte. Wir fünf sprangen auf, Sascha stieß den Tisch um und Amelie rannte los. Die Tür flog auf und Amelie sprintete den Flur runter, wir vier direkt hinter ihr her. Den Flur runter, schneller und immer schneller, rechts um die Ecke und die Treppe runter bis wir in die Eingangshalle gucken konnten. Alles geschah in Zeitlupe und jeder von uns benötigte etwas Zeit um zu realisieren was da gerade geschah. Josie lag auf dem Boden und über ihr hockte ein entstellter Mensch, mit zerissenen Klamotten und Wunden am ganzen Körper war es das ekligste was ich seit langem gesehen hatte. Die Haare fehlten an einigen Stellen am Kopf komplett und die Wangenknochen waren eingefallen, das Kinn war offen und eine blutige Schleimspur tropfte in Josies Gesicht. Die knöchernen Arme gruben sich in ihre Schultern und der Kopf senkte sich auf Josies Hals herunter. Sie schrie und zappelte, versuchte sich mit aller Kraft aus dem Griff der Person zu befreien. Es schien hoffnungslos, Josie konnte sich nicht befreien und die Person war kurz davor, sie zu beißen?! Es sah tatsächlich so aus, als würden gleich die Zähne sich in Josies Hals verbeißen, was war da los?

Starr vor Schreck stand ich auf der Treppe, Benny noch hinter mir, Sascha kam gerade noch mit Marie um die Ecke. Mein erster Instinkt war zu helfen und mein Körper handelte von alleine, so sprintete ich los. Die Treppe herunter und auf Josie zu, gleich war ich da um zu helfen, nur noch ein paar Schritte.

Und dann: Rumms!

Mit einem Stoß von der Seite katapultierte mich Amelie aus der Bahn. Der Schwung, den ich aufgebaut hatte blieb erhalten und so flog ich mit voller Kraft gegen die rechte Wand der Eingangshalle. Ich schlug auf und vernahm ein Knacken, dann sackte ich zu Boden. Das letzte was ich sah war Amelie, die eine Waffe anlegte, auf Josie zielte und abdrückte.
Der Knall hallte in den Ohren und es wurde schwarz. Total schwarz…

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