Zu Teil 3

Benny stand links neben mir, Mund weit offen und ein Blick der „Das geht mir gerade alles zu schnell“ aussagte. Sascha stand rechts von mir und musterte das Mädchen von oben bis unten. Auch ich war überrascht und konnte den Blick nicht von dem Bild abwenden, dass sich uns gerade bot. Vor uns stand eine junge Frau, sie mochte vielleicht 17 oder 18 sein, langes braunes Haar mit blau gefärbten Spitzen, braune Augen, gekleidet in einen schwarzen Kapuzenpullover und eine armeegrüne Jeans. Das was uns stutzig machte war das Sturmgewehr, dass sie mit beiden Händen hielt. Über ihrer linken Schulter guckte zusätzlich ein langer Lauf hervor und auf dem Rücken trug sie einen, ebenfalls armeegrünen, Rucksack. Wieso hatte plötzlich jeder eine Waffe und wer ist dieses Mädchen? Hatte sie uns schon länger beobachtet? Sie schien vernünftig zu sein, ich beschloss als erstes etwas zu sagen und die Spannung, die in der Stille lag, zu brechen.

„Wir sind unbewaffnet!“, fast schon panisch stotterte ich den Satz hervor.

„Ich weiß, hab eure Auseinandersetzung mit den Männern mit angesehen“, sie antwortete ruhig und ihr Blick machte sich über mich lustig – Das begann ja gut.
„Was ist denn mit ihm? Alles in Ordnung?“, sie hob die Waffe kurz an und deutete mit dem Lauf auf Benny, der noch immer mit offenem Mund neben mir stand.

„‘Tschuldige! Benny mein Name, das sind Sascha und Patrick.“, wir hoben nacheinander die Hand. „Was machst du hier?“

„Ist doch unwichtig, jeder muss jetzt gucken wo er bleibt! Ihr habt keine Ahnung was hier vorgeht oder?“ Das Mädchen musterte nun uns und wendete sich dann direkt an Sascha. „Wenn ihr wirklich keine Ahnung habt, solltet ihr mitkommen, ich kann euch alles so weit erzählen, unser Lager ist in der Nähe!“

„Moment, Lager? Euer Lager? Wieviele seid ihr denn? Und wieso sollten wir dir einfach hinterhergehen, wir kennen dich nicht einmal!“ Benny hatte die richtigen Einwände, auch ich hatte ein merkwürdiges Gefühl.

„Hör mal zu Benny oder wie du hießt! Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder kommt ihr mit, bekommt Antworten und überlebt oder ihr geht euren eigenen Weg, trefft weiterhin auf solche Leute und verreckt jämmerlich auf der Straße, was ist dir lieber?“, sie sprach so bestimmt und mit so viel Druck in der Stimme, dass ich sprachlos war und auch Benny sagte nichts mehr.

Die Gruppe setzte sich in Bewegung, das Mädchen ging vorne, ich ging rechts hinter ihr und zwei Schritte nach mir folgten Benny und Sascha Seite an Seite. Für eventuelle Beobachter mussten wir ein lustiges Bild abgeben. Sie ging in einem schnellen Schritt, zuerst hinter dem Rastplatz durch eine Reihe von Sträuchern durch, dann gingen wir eine Weile über eine offene Wiese. Der Morgentau hatte sich noch nicht gelegt und Nebel lag über der Wiese. Alles machte einen friedlichen Eindruck. Ich ging ein paar Schritte schneller um zu dem mysteriösen Mädchen aufzuschließen.

„Darf ich fragen wie lange es noch zu deinem Lager ist?“

„Nein und es gehört mir nicht alleine!“, die Antwort kam deutlich.

Ich ließ mich wieder zurückfallen, und landete neben Sascha.

„Was denkst du von ihr?“, fragte ich Sascha direkt.

„Nichts gutes… Mir gefällt nicht, dass sie nicht eingeschritten ist als wir überfallen wurden. Außerdem hat sie mindestens zwei Waffen und ist perfekt vorbereitet auf was auch immer in diesem Land los ist, das gefällt mir nicht.“

„Sie sagte, sie sei nicht alleine in dem Lager, vielleicht haben sie sich gegenseitig geholfen? Wäre doch möglich!“

„Warten wir es einfach ab, wir sollten nicht zu misstrauisch sein, hätte sie uns überfallen oder töten wollen, hätte sie es doch schon längst getan, oder?“, Benny meldete sich jetzt auch zu Wort.

„Der Meinung bin ich auch, sie scheint vernünftig zu sein!“, Sascha hatte Recht.

„Vernünftig und attraktiv“, ergänzte Benny und ich konnte nicht anders als zu lachen. Mit so einer Aussage hatte ich nicht gerechnet.

Das Mädchen warf mir einen Blick zu, der tödlich hätte sein können und sofort verstummte ich. Wir gingen eine gute halbe Stunde hinter ihr her, meine Uhr hatte ich schließlich behalten dürfen. Das Mädchen blieb vor einer großen Hecke stehen, in der Ferne konnte man ein großes Anwesen sehen. Das Haus war umgeben von dem Nebel und hatte etwas furchteinflößendes an sich.

„Wir sind da, folgt mir und versucht keinen Mist zu machen, wir sehen das nicht gerne. Ihr könnt schon glücklich sein wenn ihr aufgenommen und nicht umgebracht werdet!“, sie grinste uns an und ging durch die Hecke hindurch. Ich schaute entsetzt in Richtung Benny doch er zuckte nur mit den Achseln.

Wir gingen einen Kiesweg in Richtung des Hauses, bei jedem Schritt knirschte es unter unserem Schuhen. Vor dem Haus war eine große Gartenanlage, verschiedene Marmorskulpturen schmückten den Weg links und rechts und zwischen verschiedenen Pflanzen standen immer wieder weiße Pavillions. Je weiter wir uns dem Haus näherten, desto größer wurde es, dass musste ein riesiges Anwesen sein, ich fragte mich wem es wohl mal gehört hatte und wo die Menschen jetzt sind. Wir stiegen eine breite Treppe hinauf und das Mädchen klopfte an der Tür. Es dauerte eine Weile, man vernahm das klicken von verschiedenen Ketten und Schlössern, dann öffnete sich die Tür einen Spalt breit und der Lauf eines Gewehres wurde durchgeschoben. Ich ging ein paar Schritte zurück, während das Mädchen ganz ruhig blieb.

„Ich hab Gäste mitgebracht“, zum ersten Mal vernahm ich etwas warmes, freundliches in ihrer Stimme.

„Wie viele? Sind sie sicher?“, von drinnen war eine weitere weibliche Stimme zu vernehmen.

„Drei und ja, sie haben nichts mehr, Rays Männer haben sie ausgenommen“

„Gut, kommt rein!“

Die Tür öffnete sich weiter und ein finaler Riegel wurde zurückgezogen.

Ray? Wer war das? Waren etwa noch mehr von den Leuten unterwegs, die uns überfallen hatten? Ich brauchte dringend Ruhe um mich zu konzentrieren und meine Gedanken zu ordnen. Doch jetzt war Konzentration angesagt, ich betrat mit den anderen die Halle hinter den Türen. Links und rechts von der Tür standen zwei weitere Mädchen, etwa das gleiche Alter wie unsere Begleitung, beide bewaffnet und beide überraschend ähnlich aussehend. Ich tippte auf Zwillinge. Die Halle war sehr lang und hoch, wer auch immer hier gewohnt hatte musste eine Menge Geld gehabt haben. Eine weitere Treppe führte nach oben, 4 Türen gingen nach links und rechts von der Halle ab, alle waren verschlossen. Ein Stück weiter in der Halle standen drei Jungs in einer Gruppe zusammen. Auch sie waren zwischen 17 und 18 Jahren alt, breit gebaut, alle mit dem typischen 3mm Armeehaarschnitt, das besondere war, dass keiner von ihnen bewaffnet war. Auf einer Bank am hinteren rechten Ende saßen außerdem ein weiterer Junge, mittlere Größe, vielleicht 17 Jahre alt, gekleidet in einen schwarzen Anzug und ein Mädchen, sie war wahrscheinlich ebenfalls 17 Jahre alt, kleine Statur, lange blonde Haare, sie trug einen roten Kapuzenpullover und Shorts obwohl es verdammt kalt in der Halle war. Die beiden waren sehr beschäftigt miteinander und so wendete ich den Blick ab um sie nicht direkt anzuschauen. Auf den ersten Blick sah ich keinen einzigen Erwachsenen, wahrscheinlich waren diese im ganzen Haus verteilt und nur nicht an die Tür gekommen.

Benny, Sascha und ich standen also nun mittig in der Eingangshalle, Seite an Seite. Was würde nun passieren? Die Gruppe von Jungs rannte lachend die Treppe in das obere Stockwerk hinauf und das Pärchen verschwand durch die zweite Tür auf der rechten Seite der Halle. Ich schaute ihnen nach bis die Tür wieder ins Schloss viel.

„Ben und Angie, meiner Meinung nach viel zu offen wenn es darum geht ihre Beziehung zur Schau zu stellen aber das kann ich ganz gut ignorieren“, das Mädchen sprach zu uns und wir drehten uns um.

Das eine Mädchen von der Tür stand nun an ihrer Seite, während das zweite Mädchen weiterhin an der Tür stehen blieb.

„Das ist Marie und da hinten an der Tür steht noch Josie. Ben, Josh und Michael sind gerade nach oben abgehauen, macht euch nichts drauß, die lernt ihr noch gut genug kennen“

Ich beschloss als erstes was zu sagen:

„Das ist Benny und das Sascha, ich bin Patrick. Nett euch kennenzulernen und tolles Haus! Wie heißt du und wo sind die Leute, denen das Haus gehörte?“

Tolles Haus? Was hatte ich gerade gesagt? Das war kein Besuch bei irgendwelchen Leuten, wieso benahm ich mich als würde ich sie kennen?

„Amelie heiße ich und ich hab keine Ahnung wo die Leute hin sind, vermutlich einfach abgehauen wie jeder als das ganze losging. Aber zuerst will ich euch kennenlernen und eure Fragen beantworten, kommt mit wir haben vor kurzem erst den Salon gefunden!“

Amelie ging voraus, stellte beide Waffen an die Wand, zusammen mit ihrem Rucksack und ging die Treppen hinauf, wir folgten ihr. Vielleicht hatte ich sie falsch eingeschätzt…

Zu Teil 5

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