Inventar in Hobo: Tough Life

Oftmal schicken uns Survival-Spiele in weltfremde Szenarien: Zombies, nukleare Kriege oder die Weiten des Weltraums. Hobo: Tough Life holt uns an dieser Stelle rabiat zurück auf den Boden der Realität. Als Obdachloser wandeln wir hier durch die Straßen einer Großstadt mit dem Ziel, zu überleben.

Willkommen ganz unten

Am 25. Juli startete dieses Großstadt-Survival in die Early Access. Wir haben uns also von unserem Hab und Gut verabschiedet und uns aufgemacht in ein zurecht so betiteltes „hartes Leben“. Denn bereits in seinen ersten Implementierungen ist Hobo: Tough Life kein Zuckerschlecken. Wie wir es gewohnt sind, spawnen wir ohne jegliche Ausrüstung außer einigen Kleidungsstücken am Leib irgendwo in einem schäbigen Abfallbereich unterhalb der bevölkerten Stadtviertel. Doch nirgendswo gibt es Bäume zu hacken oder Erze abzubauen, dafür umso mehr Mülltonnen und Sperrmüll zu durchsuchen.

Dump Diving in Hobo: Tough Life
In dieser Tonne finden sich einige Schätze, aber auch diverse Schadstoffe.

Dabei bedrohen uns für ein Survivalgame durchaus zahlreiche Faktoren: Unsere Gesundheit wird beeinflusst von Krankheit, Kälte, Moral und Hunger, welche wiederum von anderen Faktoren abhängig sind. Am stärksten fallen dabei zunächst Kälte und Hunger ins Gewicht: An alten Tonnen verbrennen wir ganz im Klischee alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Aus in Tonnen gefundenen Essensresten mischen wir uns eine traurige Mahlzeit. Oder können wir es uns leisten, unser weniges Pfandgeld am Kiosk für ein Sandwich auszugeben?

Ein hartes (Ab-)Leben

Schnell merken wir, wie uns die Elemente überfordern: Beim ehrgeizigen Tonnenwühl-Minispiel greifen wir zu häufig in Fäkalien, was unser Wohlsein und verständlicherweise auch unseren Geruch negativ beeinflusst. Beim Crafting-Minispiel verfehlen wir den grünen Bereich zu häufig und verlieren so zahlreiche unserer Crafting-Bestandteile.

Betteln in Hobo: Tough Life
In diesem Minispiel zeigt sich der Erfolg unserer Aktionen: Blau = Exzellent, Grün = Erfolg, rot = schlecht.

Wir beginnen, zu sehr zu stinken. Selbst der Kiosk schickt uns weg und weigert sich, unsere hart gesammelten Pfandflaschen anzunehmen. Ohne Pfand kein Geld, ohne Geld keine ordentliche Nahrung. Es ist ein langsamer Tod, der uns in unserem ersten Leben dahinrafft: Wir schleppen uns von Passant zu Passant, von Mülltonne zu Mülltonne – unsere Moral ist im Keller und es wird schon wieder Nacht, die wir besser am warmen Feuer verbringen. Durch das Verzehren von Essensresten aus dem Abfall sind wir zusehends krank geworden. Nach und nach sehen wir unseren Gesundheitsbalken abstürzen.

Als wir schließlich an einer belebten Straßenecke ohnmächtig zusammenbrechen, sehen wir noch verschwommen, wie desinteressierte KI-Passanten über uns hinweg steigen, und hoffen auf unser baldiges Ende. Doch wir stehen wieder auf, und unser Martyrium ist noch nicht vorbei. Drei weitere Male fallen wir irgendwo in den Dreck, bis wir schließlich in einem „You are Dead“-Screen unsere traurige Erlösung finden.

Sterben in Hobo: Tough Life
Wir sind absolut am Ende: Links sehen wir unsere kritischen Statuswerte.

Wir haben nun die Wahl: Entweder respawnen wir mit permanent reduzierten maximalen Statuswerten neu und versuchen weiterhin unser Glück, oder wir starten in einem neuen Spiel von vorne. Wir entscheiden uns für letzteres.

Vom Obdachlosen zum Herrn der Unterwelt

Wir geben uns Mühe, aus unseren Fehlern zu lernen: Jetzt sammeln wir vorsichtiger in den Mülltonnen und sind erfolgreicher im Crafting. Wir schlafen in der Nähe von Feuerquellen, um uns anschließend schnellstmöglich wieder aufzuwärmen. Wir achten mit neuen Klamotten und regelmäßigem Waschen in der Wohlfahrt auf unseren Geruch und verbringen die restliche Zeit beim Betteln um Geld und Pfandflaschen. In der Stadt kommen wir herum und finden Läden und NPCs, die uns gegen Geld oder Arbeit mit Problemen aushelfen.

Unterschlupf in Hobo: Tough Life
Nach einigen Stunden nimmt unser Unterschlupf Form an, wir besitzen einige Schränke und eine Schlafcouch.

So bauen wir nach und nach unseren Unterschlupf aus, sodass wir mehr lagern und uns hier besser erholen können. Durch das integrierte Levelsystem werden wir mit jeder Aktion besser darin, zu überleben. Wir können Passanten in längere Gespräche verwickeln und finden mehr Items im Müll. Nach einigen Stunden besitzen wir schließlich ein ordentliches Lager und sind wohlgenährt. Doch der Winter naht, und wir werden immer härteren Elementen zu trotzen haben, um weiterhin überleben zu können.

Echte Bettler-Atmosphäre

Hobo: Tough Life ist aufgrund seiner Nähe zur Realität nicht für jedermann. Wer erwartet, sich durch Kampfkünste oder Verbrechen a la GTA schnell eine goldene Nase zu verdienen, ist hier falsch. Obwohl ein Kampfsystem weiterhin geplant ist, liegt der Fokus aktuell in der Rolle des Opfers der Gesellschaft. Wir wissen nicht, wie wir hier ganz unten gelandet sind – aber erfahren schnell, wie mies es dort zugeht. Uns bleibt keine Minute der Erholung, wir müssen stets unterwegs sein und für unseren kargen Lebensunterhalt arbeiten. Pfandflaschen, die Menschen sonst einfach wegwerfen würden, müssen wir von diesen erbetteln. Und riechen wir zu stark, will keine Menschenseele mehr etwas mit uns zutun haben.

Dialog in Hobo: Tough Life
Diskussionsthemen: Sprechen wir mit dem Mann über die gefakte Mondlandung, verkaufen wir ihm etwas, oder versuchen wir, ihn abzulenken und zu bestehlen?

Die Vielfalt von Hobo: Tough Life ist dabei unabstreitbar: Wir können mit den KIs auf der Straße sprechen oder von Haus zu Haus ziehen. Dabei denken wir uns die wildesten Geschichten aus oder appellieren an das Mitgefühl der Passanten, um eine kleine Spende, Pfandflaschen oder Zigaretten zu ergattern – oder wir lenken sie ab und versuchen, sie zu beklauen. Wir können versuchen, in Garagen oder Schuppen einzubrechen um Items zu stehlen, oder durchwühlen weiter den Müll. Durch Sonnenschein, Regen, Sturm und Gewitter fühlen wir uns den Elementen stärker denn je ausgeliefert.

Wir als Spieler nehmen also keinen Einfluss auf unsere Umgebung – im Gegenteil, NPCs möchten unsere Gegenwart meiden, wir fühlen uns wie ein Fremder, ein Ausgestoßener. Vielleicht genau der richtige Ansatz für ein Spiel über Obdachlosigkeit?

Die Sache mit dem Early Access

Technisch performt das Spiel in der Unity Engine gut. Abgesehen von der permanent überschrittenen Tragfähigkeit herrschen äußerst wenige Bugs, und wenn man einmal die Tricks findet, ist das Hobo: Tough Life durchaus eine meisterbare Herausforderung. Zusätzlich zum Singleplayer ist es dazu bereits möglich, mit bis zu vier Spielern dieselbe Stadt zu bespielen, was zumindest etwas Gesellschaft bringt. Noch werden viele Points of Interest von einem „Meister-Penner“ ersetzt, und Dialoge wiederholen sich oft.

Hobo: Tough Life ist ohne Frage nicht für jeden Geschmack geeignet, und Interessenten sollten sich informiert haben, bevor sie die knapp 20 € auf Steam investieren. Die Rolle eines von der Gesellschaft ausgestoßenen Obdachlosen wird über das Gameplay und die KI aber hervorragend vermittelt und zu einem herausragenden Survival-Erlebnis verarbeitet. Es liegt jetzt an den Entwicklern von Perun Creative, das geplante Jahr der Early Access zu nutzen, um das Spiel in Tiefe und Vielfalt so zu erweitern, dass es auch über die Stunden des sich wiederholenden Überlebenskampfes seine Atmosphäre nicht verliert.

2 KOMMENTARE

    • Du meinst das berüchtigte Pennergame? Das Problem an diesen Browserspielen ist meiner Meinung nach leider oft, dass sie zu oberflächlich sind. Gerade beim Thema Obdachlosigkeit sehe ich lieber einen ernsthaften Umgang, als dass man bloß versucht, sich möglichst starke Waffen zu besorgen, um einander abzustechen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here