Evil Possession - Survival Horror


Im Test: Die Windows-Version


In der Agentur Satanas‘ saugen die Schreibfedern derzeit wieder kübelweise Blut, denn der unheilige Lizenzsegen des Höllenfürsten ist bei Spieleentwicklern gefragter denn je. Nachdem zuletzt Outlast 2 (Test) mit umgedrehten Kreuzen® um sich warf, möchte nun auch Evil Possession dem Feind Gottes ein gutes Promo-Spielchen sein. Wird uns der 1st-Person-Survival-Horror von 2DragonsGames zum Bösen bekehren können?

Seltsame Dinge geschehen

Leicht werden wir es dem Pferdefüßigen sicher nicht machen, sind wir in der Rolle eines professionellen Geisterjägers und Exorzisten schließlich sein erbittertster Gegenspieler – und ein entsprechend gefragter Dienstleister. Das Fräulein Tochter ist plötzlich unsichtbar? Der Sohnemann hat einen Flaschengeist verschluckt? Leichenblasse FEMEN-Aktivistinnen demonstrieren im heterosexuell geprägten Ehebett für die Homo-Ehe? Wir kümmern uns darum.

Also, ein andermal. Heute setzen wir nämlich Fuß in eine sündhaft teure Antik-Villa, deren Besitzer ob zu vieler paranormaler Ereignisse auf unbestimmte Zeit ausgeflogen sind. Ein Wissen, das wir nicht etwa einer halbwegs informativen Intro-Sequenz, sondern einem kommodenlägerigen Schmierzettel entnommen haben. Wow … Dann kommt der zu erwartende Hilferuf wohl auch erst per Handnotiz? Tatsächlich, am unteren Zettelrand schreit einer der Ausgeflogenen um Hilfe. Na ja – gehen wir einfach mal davon aus, dass unser Hiersein das Ergebnis einer vorangegangenen Korrespondenz ist, und beginnen mit der Erkundung des schlecht ausgeleuchteten Gebäudes.

Evil Possession - Eingangshalle
Herzlich willkommen! Die Grafiksektion von 2DragonsGames versteht ihr Handwerk sichtlich.

Das heißt: eigentlich vielmehr mit einer „Don’t touch“-Hausbegehung, denn unsere Interaktionsmöglichkeiten sind reichlich eingeschränkt. Wollen wir beispielsweise einen Schrank öffnen, lässt uns dieser in der Regel eiskalt vor der Türe stehen; möchten wir eine Nachttischlampe näher untersuchen, werden wir überrascht sein, wie hart die Interaktionstaste unser Vorhaben ignorieren kann. Das ist nicht schön und lässt uns augenblicklich ein großes „Buh!“-Schild aus der Tasche ziehen, mit dem wir unsere somit zum Protestmarsch erklärte Begehung fortsetzen. Vielleicht passiert ja gleich etwas Interessantes?

Böses Mädchen sucht älteren Herrn

Oh ja, in der Tat. Sobald unser Ein-Mann-Protestzug nämlich einen ganz bestimmten Schlafraum erreicht hat, offenbart sich das Kernelement von Evil Possession – in Form einer geisterhaften Spätaufsteherin im flatterigen Horror-Nachthemd. Und nun ratet mal? Genau: An dieser Stelle nimmt ein relativ klassisches Katz-und-Mausspiel seinen Anfang, in dessen Rahmen uns das böse Mädel nicht nur kreuz und quer durch die Hütte, sondern auch querhofein über Stock und Stein jagen wird.

Evil Possession - Geistmädchen
Eines ist jetzt schon klar: Sie wird mit dem falschen Fuß aufstehen. (Cutscene)

Theoretisch ist unsere asiatisch angehauchte Verfolgerin der einzige Gegner des Spiels, praktisch hat auch der Architekt gegen uns gearbeitet. Wirklich nur Anfänger würden im Innenhof auf einen Stützpfeiler zeigen und „Ätsch, du wirst mich gleich nicht aufhalten“ spotten – er wird es nämlich in jedem Fall tun. Und sollten wir durch Umlaufen eines Pfeilers die Gesetze des Villen-Kosmos doch einmal auf den Kopf stellen, sorgt der nächststehende Tisch oder Stuhl wieder für Ordnung.

Ohne unsere tragbare Ölfunzel würden wir wohl im ganzen Haus Kopfnüsse verteilen, aber ein verlässlicher Partner ist sie – aufgrund ihres beachtlichen Brennölhungers – nicht. Das einzige „Tool“, das in guten wie in schlechten Zeiten zu uns steht, ist das (im Übrigen auch real existierende) EMF-Messgerät. Via eines Zeigers und akustischer Signale verrät es uns, in welcher Richtung starke paranormale Aktivität zu verzeichnen ist: Je weiter der Zeiger ausschlägt, desto näher ist unsere zuweilen unsichtbare Freundin.

Evil Possession - Ausrüstung
Es dauert nicht allzu lange, bis wir unsere Ausrüstung in Händen halten: Eine Öllampe und ein EMF-Messgerät.

„Natürlich“ geht es in Evil Possession letztlich aber nicht darum, mit der seltsamen Abgesandten Satans Fangen zu spielen. Wir sind schließlich ein Exorzist, ein verdammter Krieger Gottes und ein alles Böse vernichtender Kerzenanzünder – also müssen wir jetzt auch Kerzen anzünden. Die Frage ist bloß: Wieso um alles in der Welt haben wir in unserer Eigenschaft als Exorzist eigentlich keine einzige Kerze dabei? Stimmt: damit wir nun ein ganzes kurzes Spiel lang einen Luxustempel nach Kerzen umgraben können.

Auf viel zu leisen Füßen

In optischer Hinsicht veranstalten 2DragonsGames gewissermaßen ein Treffen der Generationen. Während das Interieur der Villa weitgehend in dieser Dekade angekommen zu sein scheint, könnte das Fräulein im Nachthemd glatt einer Playstation-Rendersequenz der 90er entsprungen sein. Auch die rudimentären Spiegelungseffekte sehen wir ungefähr in dieser Ära angesiedelt, doch unter dem Strich fällt all dies kaum ins Gewicht.

Viel entscheidender ist, dass lediglich Besitzer von High-End-PCs wenig von der sehr mäßigen Optimierung des Spiels bemerken werden. Selbst Mittelklasse-PCs, die ein Battlefield 1 in Full HD mit 60 FPS durch die Gegend schieben, könnten bei Evil Possession mächtig ins Schwitzen kommen. Hier wären, nicht nachvollziehbarer Weise, mittelhohe Einstellungen das Höchste der Gefühle.

Evil Possession - Böse Puppe
Bist du es, Annabelle? Ein bisschen The-Conjouring-Feeling in der hinteren Zimmerecke.

Der eigentliche Sargnagel für Evil Possession jedoch ist … nun ja, zweiköpfig. Zum einen leidet das Spielgefühl sehr unter einem protagonistischen Gehfehler, welcher in ziemlich eigenartigen Kamerabewegungen resultiert. Zum anderen vermissen wir die für Horrorspiele höchst essentielle Klangkulisse, die hier allenfalls in Interludien zu hören ist. Leider, wie wir sagen müssen – denn wenn überhaupt mal etwas aus den Desktop-Boxen zu uns dringt, ist es auch gleich so laut und hässlich, dass wir uns die Stille gar nicht schnell genug zurückwünschen können.

Fazit: Der Satz mit X

Trotz einiger altersschwacher 3D-Modelle: Alle Ehre gebührt den Grafikern von 2DragonsGames; der Rest des Teams hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Evil Possession ist zu soundarm, zu schwerfällig und in der Folge einfach zu drucklos, um auch nur ansatzweise ein gutes Survival-Horror-Spiel zu sein. Was der an sich nette Steam-Trailer verspricht, wird in kaum einer Weise gehalten – selbst zum verhältnismäßig niedrigen Preis von aktuell 7,99 Euro können wir das Spiel leider nicht empfehlen.

ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Story
1
Grafik
7
Sound
2
Gameplay
4
Spielspaß
3
QUELLESurvivethis
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Alex zockte schon zu Zeiten, als Nintendos Mario noch „Jumpman“ hieß: sein allererster High Score datiert auf 1981. Als Kenner alter Maschinen blickt er für Survivethis nicht nur zurück, sondern liefert auch News zu aktuellen Survival-(Horror-)Titeln. Nach Redaktionsschluss vertont er meist die Pixel-Art-Spiele seines kleinen Indie-Teams.

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