ELEX Review - Elex im Survival-Check

Wenn sich die Survivethis-Redaktion in lange, schwarze Roben hüllt und geschlossen die hundert Stufen zum hauseigenen Seziertisch hinabsteigt, ist es wieder mal soweit: Unter dem Vorwand „Wie viel Survival steckt in…?“ wird gleich ein Spiel in digitale Scheibchen geschnitten. Ist The Sims 4 mehr als nur eine Lebenssimulation? Steckt in Arx Fatalis womöglich mehr Survival als in PlayerUnknown’s Battlegrounds? Während wir uns analytisch in den Eingeweiden genrefremder Unterhaltungssoftware suhlen, erfahrt ihr, ob der zerlegte Kandidat etwas für den festgefahrenen Survival-Geschmack sein könnte. In diesem Sinne begrüßen wir heute bei uns im OP: ELEX von Piranha Bytes.

Piranha Bytes – wie kein anderer steht dieser Name gegen Season Pass und Mikrotransaktionen. Wenn die Essener ihr eigenes T-Shirt-Label gründen würden, trügen ihre Kreationen wohl allesamt den Aufdruck „DLC aufs Maul“. Denn Pankratz & Friends, das sind etwa dreißig Wesenheiten aus einer anderen (und viel besseren) Zeit; als uns PC-Spiele noch im Ganzen erreichten und DRM bloß „Deutsche Rallye Meisterschaft“ bedeutete. Aus eben dieser Zeit grüßen sie uns nun mit ELEX, einem postapokalyptisches Rollenspiel mit Gothic- und auch etwas Survival-Flair. Ist Piranha Bytes’ Neuling vielleicht ein Hybrid? Das ist die Frage, der wir nachfolgend auf den Grund gehen wollen.

Der Stein aus einer anderen Welt

Die Postapokalypse ist eine Geschichte voller Dritter Weltkriege und mit H-Bomben begangener Silvesterfeste. Immer und immer wieder heißt es: Der Mensch ist doof, der Mensch ist schuld, und seine destruktive Natur wird uns irgendwann noch alle umbringen. Stimmt … Aber führen denn (bitte, bitte) nicht auch andere Wege in die Postapokalypse? Piranha Bytes sagen „ja“ – und zeigen uns, was den Dinosauriern vor 65 Millionen Jahren ein echter Stein im Schuh war (oder, wie in einigen besonders unglücklichen Fällen, auf dem Kopf): ein gewaltiger Meteorit.

ELEX - Meteorit
Goodbye, Magalan … Schön war die Zeit. (Intro)

Unbarmherzig trifft dieser den terrestrischen Planeten Magalan, seines Zeichens weitläufige, offene Spielwelt von ELEX. Das heißt – er traf, denn das Spiel setzt über 160 Jahre nach dem alles verwüstenden Impact an. Menschen leben nun in verschworenen Gemeinschaften, wie sie verschiedener nicht sein könnten. Als da wären: die Berserker, eine Gruppe von technikverteufelnden Mittelalterfreaks; die Kleriker, ein Haufen tech-religiöser Unsympathen; die Outlaws, gesetzlose und unter den Armen müffelnde In-den-Sand-Pinkler, und – doch diese Fraktion ist nicht spielbar – die „Albs“, hochtechnisierte, Elex-schluckende Magalan-Parasiten.

„Elex“-was? Nun, der Meteorit beließ es nicht einfach bei ein bisschen Zerstörung, sondern brachte auch eine bläulich kristalline Substanz, das Elex, nach Magalan. Auf der guten Seite verleiht sie ihrem Konsumenten übernatürliche Fähigkeiten, auf der schlechten kassiert sie all sein Sexappeal und treibt ihn überdies in die Abhängigkeit. „Egal“, sagen insbesondere die Albs. Sie wollen alles Elex auf dem Planeten; selbst das, was durch nicht-albische Organismen fließt. Und so herrschen auf Magalan schwere bewaffnete Konflikte, deren Beilegung mitunter in euren Händen liegen wird.

ELEX - Angekommen
Guten Morgen, Postapocalyptica … Was deine Weiten wohl für mich bereithalten werden?

Jax, der Bruchpilot

Dazu schlüpft ihr – nicht ohne unser Beileid – in die Rolle von Ex-Alb-Commander Jax, ein mit dem Donnervogel „gestrandeter“, dann von verräterischen Alb-Soldaten angeschossener und zu guter Letzt von Outlaws ausgeraubter Hans im Glück. Sprichwörtlich in Hemd und Hose seht ihr euch einer teils maximal lebensfeindlichen Umwelt gegenüber, die eure Schwäche und Erbärmlichkeit u.a. via fünf Klimazonen zur Schau zu stellen weiß.

So lehrt euch die vulkanische Landschaft rund um den Kleriker-Hort schnell Respekt vor Lava (fröhliches Kokeln gibt es hier, realistischerweise, bereits auf Sicht), während euch die Nähe zu den nördlich gelegenen Alb-Konvertern fiese Frostbeulen ins Gesicht zaubert. Selbst die gemäßigte Gebirgszone von Edan ist nicht ganz frei von Tücken, da ihre Erdspalten und tiefen Täler euer Jetpack oftmals erst kurz vor dem Aufprall husten lassen. Doch auch der geübte Asphaltakrobat kann vorzeitig aus dem Leben scheiden, indem er sich nahe der Grenzgebiete längere Zeit der settingtypischen, radioaktiven Strahlung aussetzt. Die Frage ist demnach also nicht, ob ihr sterbt … Die Frage ist, in welchen Intervallen.

Nun stellt ein außerordentlich hoher Schwierigkeitsgrad aber per se noch lange kein Survival-Element dar. Erst die Kombination aus brettharten Umweltbedingungen sowie Jax’ (unter Umständen) zig Stunden währender Mittel- und nahezu Wehrlosigkeit verschiebt ELEX’ Spielgefühl fühlbar in Richtung Überlebenskunst. Zudem ließ das Elex natürlich auch die Tierwelt nicht unberührt, deren Vertreter nunmehr als zum Teil riesenwüchsige „Supermutanten“ durch die postapokalyptische Müllhalde stampfen. Hier gilt die Faustregel: Alles oberhalb einer Pestratte oder eines Kreischers macht euch zur Schmeißfliege in einer Fliegenklatschenfabrik – nicht zuletzt auch angesichts des Jetpacks auf eurem Rücken. Bssst, Flatsch.

ELEX - Unhold
Das sieht nach einem Kampf aus, doch in Wahrheit haben wir nur kurz fürs Foto posiert. Die Betonung liegt auf „kurz“…

„Überleben für  Anfänger  Experten“

Das alles klingt nun allerdings mehr nach Frust als nach Spaß, oder? Ja, bedingt wird euch ELEX ein nicht unwesentlicher Schmerz im Gesäß sein, doch sobald ihr Schutz bei einer Fraktion gefunden habt, könnt ihr effektiv an eurer Misere arbeiten. Zunächst ist natürlich das Erledigen von „Gefallen“ bzw. Quests am wichtigsten, da ihr nur auf diesem Wege überhaupt an brauchbare Rüstungen und Waffen kommen werdet. In freier Natur, falls man es so nennen kann, findet ihr nämlich nur kleinere Hilfsmittel wie Heilkräuter oder das aus Gegnern gewonnene Fleisch, dessen Heilkräfte wie gewohnt mittels eines Lagerfeuers gesteigert werden können … Und müssen.

Als größtes kleines Hilfsmittel werden sich die Erzvorkommen Magalans erweisen, die ihr hauptsächlich mit dem Presslufthammer abbaut. Denn Erz ist die Grundvoraussetzung für Waffen-Upgrades und (magische) Items wie z.B. Ringe der Feuerresistenz, deren Fertigung einer Werkbank bedarf. Letztere erlaubt euch auch das Zerlegen von Objekten und somit die anderweitige Verwertung der einzelnen Bestandteile. Bei allem könnt ihr jedoch nicht einfach drauf losschrauben, mischen oder hämmern: In ELEX verlangt jede Möglichkeit nämlich immer auch Fertigkeit. Wer die mit einem Stufenaufstieg erhaltenen (und extrem vielseitig einsetzbaren) Lernpunkte nicht durchdacht vergibt, wird auf Magalan noch viel mehr Tränen vergießen, als ohnehin schon.

ELEX – Ein Survival-RPG?

Auch wenn ELEX am Ende dieses schwere, postapokalyptische Rollenspiel bleibt: Hätten sich Piranha Bytes nur einer einzigen klassischen Survival-Zutat (Stichwort: Knurrender Protagonistenmagen) mehr bedient – es wäre problemlos als Survival-RPG durchgegangen. Denn ähnlich wie Ubisofts Far Cry: Primal Survivor zwingt es euch, selbst die kleinsten Hilfen anzunehmen und bestmöglich zu nutzen; und es limitiert eure Haudruff- bzw. Ballerfertigkeiten über ein stark ausdauerbasiertes Kampfsystem. Unser Urteil lautet daher: ELEX, das muss man wirklich erstmal überleben. Aber wer es überlebt, der wird dafür belohnt, wie von kaum einem anderen Rollenspiel.


Genrefremde Software im Survival Check

Wie viel Survival steckt in…

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