Devotion Test - Asia Horror Spiel PC


Hinweis: Aufgrund eines den chinesischen Staatschef Xi Jinping verunglimpfenden Easter Eggs ist das hier besprochene Spiel kurz nach seinem Release am 26. Februar vorübergehend von Steam – der einzigen Bezugsquelle – entfernt worden. Eine Wiederveröffentlichung ist sicher, steht bis zum heutigen Tag jedoch aus. Wir halten euch auf dem Laufenden.


Im Test: Die Windows-Version


Und, soweit ein schönes Leben gehabt? Dann bietet dir Devotion die ultimative Abwechslung, denn als Bad-Life-Simulator ist der Asia-Horror fast unschlagbar.

Früher war alles besser? In Devotion schon.

Am Anfang ist im Taiwan der 80er Jahre noch alles affentittengeil: Ich sitze in einer muckeligen Vierzimmerwohnung, meinen extrabreiten TV-Hintern umschmeicheln zwei gemütliche Couchkissen, auf der Mattscheibe besingen kommunistisch verklärte Mädchen die unsichtbaren Betonblöcke an ihren Füßen, und – was das Allerwichtigste ist – meine Frau befindet sich in ihrem angestammten Lebensraum, der Küche. Ich glaube, sie unterhält sich mit mir, doch nach x Jahren Ehe hört man da natürlich nicht mehr so genau hin. Es geht wohl um unsere kleine Tochter, genauer um ihre Fortschritte als Nachwuchssängerin und die damit verbundenen Fehlzeiten in der Schule. Aber na ja, hey: Ich will jetzt fernsehen.

Devotion Test - Chapter 1
Die schöne heile Welt, sie währt nicht lange …

Entsprechend schalte ich endgültig auf Durchzug, lehne mich zurück und … Mist! Was ist denn das, ein Stromausfall? Aber ein Stromausfall klaut mir doch nicht mein Essen – und wieso, bitte, liegt plötzlich die halbe Bude in Schutt und Asche? Ach Leute. Genervt erhebe ich mich von der Couch, kontrolliere Küche, Diele, Bad. Doch die mir angetraute Haushälterin ist weg, wie vom Erdboden verschluckt. Schritt auf Schritt verflüchtigt sich meine Scheißegalness in der finsteren Leere der Wohnung, verwandelt sich allmählich in Sorge: Auch im Kinderzimmer keine Spur von meiner Familie.

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Meine schwer kranke Tochter, eigentlich sollte sie jetzt im Bett vor mir liegen und sich ausruhen, aber dort liegt bloß eine hässlich deformierte Puppe. Wenn das ein Witz sein soll, ist es nun höchste Zeit, den Spukfug zu beenden, meine Damen! Ich sehe noch im Schlafzimmerschrank nach, dann bleibe ich wie angewurzelt stehen. Die Poster an der Wand, sie zeigen meine Frau noch in Zeiten von Glanz und Gloria, als sie hierzulande eine gefeierte Sängerin war. Nur hatte ich diese Poster eigentlich schon vor Jahren abgenommen … Kombiniere: Ich bin nicht mehr im Jetzt und Hier?

Devotion Test - Geist im Korridor
… und sie wird zu allem Übel immer surrealer.

Tragödie mit Tempolimit

Treffer und versenkt: Devotion stopft dich in den texturierten Körper des ehemals renommierten Filmemachers Du Feng Yu, der als Kind wohl einen Ticken zu lange in Einsteins physischem Wirkungsbereich gestanden hat. Eine eindeutige Erklärung für Du Fengs Zeitreisenkünste bleiben dir die Entwickler von Red Candle Games jedenfalls bis zum Ende schuldig – und selbst nach dem großen Finale hast du noch allerbeste Chancen darauf, strunzdumm ins Grab zu fallen, sollte dich dein Abstraktionsvermögen unerwartet im Stich lassen. Aber das ist nichts, was wir Asia-Horrorfans nicht gewohnt wären oder weswegen das Detention-Nachfolgewerk bei uns in Ungnade fallen würde. Was mich persönlich anbelangt, ist sogar das genaue Gegenteil der Fall.

Devotion Test - Puppen
Sag es mit Puppen: Devotions Geschichte wird auf vielfältige Weise erzählt.

Ob es allerdings eine gute Idee ist, im ersten Viertel des First-Person-Horrors Konamis P.T. anzutäuschen, sei in Zeiten von Visage, Infliction und Silent Descent einmal dahingestellt. Zudem rückt der eigentliche Kern des Spiels – die in der Regel nicht lineare Begehung der „Unglückswohnung“ während der Jahre 1980, 1984, 1986 und 1987 – Devotion eher in die Nähe von Unforgiving: A Northern Hymn, einer gleichermaßen ordentlich designten Teilzeit-Sandbox.

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Was hingegen keinesfalls täuscht, ist eine (wenngleich nachvollziehbare) Entscheidung die grundsätzlich solide Steuerung betreffend. So scheint unser Kumpel Du Feng aufgrund des jahrelangen Couchings einen mächtig kurzen Atem bekommen zu haben – mit dem Resultat, dass er sich die meiste Zeit des Spiels nur mit zirka 5 km/h fortbewegen kann, sprich: Der Arme kann nicht rennen.

Dies fällt vor allem anfangs negativ ins Gewicht, wenn du dir durch das Lesen von Zetteln, Tagebuchauszügen und Fotoaufschriften die Unheil verheißende Vorgeschichte zusammenklamüserst. Denn während dieser Zeit passiert, von einem intelligenten Jumpscare abgesehen, nicht allzu viel; der Fokus liegt klar auf der Schaffung des passenden Ambiente für eine geradezu zermürbende Story um den dramatischen Abstieg einer All-star-Familie. Und das Ambiente passt hier übrigens nicht nur, es erdrückt.

Devotion Test - Treppenhaus
Ab einem gewissen Spielfortschritt sind alle Zeitphasen frei begehbar. Als “Zentrale” dient ein nicht ganz ereignisbefreites Treppenhaus.

Ein Fall für James Wan?

Nun folgt also auch Devotion dem fragwürdigen Trend, den Spielern von Singleplayer-Horrorspielen immer weniger zum Spielen zu geben. Gut: Zwar kommt es des Späteren zu einer hervorhebenswerten Hetzjagd mit einem weiblichen Geist, der auf virtuose Weise SOMAs „Flesher“ nacheifert. Außerdem hat Red Candle Games u.a. ein in der Lösung komplexes Zahlenschlossrätsel verbaut. Alle anderen für den Spielfortschritt relevanten Rätsel sind aber derart selbsterklärend, dass man bei Devotion fast schon von einem interaktivem Film, nein, Horrorfilm-Blockbuster sprechen muss.

Und wie bezeichnend ist es angesichts dessen, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Geschichte tatsächlich per Filmskript erzählt wird. Vielleicht sollte das Team um Co-Founder Henry Wang damit ruhig einmal an die Pforten von James Wan oder auch Ghosthouse Productions (The Grudge, Drag me to Hell) klopfen. Denn in Kombination mit der sehr emotionalen, cineastischen Inszenierung hat das ausgefeilte Writing durchaus das Potential, den Inhalt deiner Tränendrüsen über dein schönes Popcorn zu ergießen. Selbst ich, der ich alles andere als nahe am Wasser gebaut bin, dachte am Ende kurz darüber nach, über das Schicksal der Familie Yu ein Tränchen zu weinen. Chapeau!

Devotion Test - Platformer-Level
Abwechslung muss sein: Devotion hat neben verschiedenen dreidimensionalen Schauplätzen auch ein hervorragendes 2D-Platformer-Level zu bieten.

Dazu braucht Devotion letztlich auch keine Hochglanzgrafik oder den Unterkiefer ausrenkende Mega-Cutscenes, obgleich der Artstil als sehr sicher und die Texturen als absolut annäherungsresistent bezeichnet werden können. Besonders ein locker flockig eingestreutes und mythologisch angehauchtes Platformer-Level wusste mich aus künstlerischer Sicht zu überzeugen.

Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat, war die Art und Weise, wie Red Candle Games einer meiner persönlichen Forderungen – Das Durchzocken von Spielen muss sich wieder lohnen – nachkam. Kurz: Das Ending des Spiels ist so bewegend, musikalisch so stimmungsvoll und niederschmetternd, dass ich die Session mit dem stillen Ausruf „Wow“ beendete. Der Presse-Key wurde mir umsonst zur Verfügung gestellt; den Original-Soundtrack habe ich gekauft.

Devotion Test - Schatten
Nanu – wer bist denn du? In Devotion gibt es viel zu sehen und noch mehr zu deuten.

Fazit: Redaktionsempfehlung

So viel ich mir von Devotion auch erwartet hatte, ein bisschen besorgt war ich schon. Mit dem vorangegangenen 2D-Horror-Adventure Detention platzierte Red Candle Games die Immersionsmesslatte nämlich in recht luftiger Höhe – und der Vorstoß in die dritte Dimension musste nicht zwingend einen Immersionsgewinn bedeuten.

Doch meine Sorge war unberechtigt, denn trotz gelegentlicher Déjà-vus in Richtung P.T. und BioShock hat sich Devotion letztlich nicht nur ein sonniges (?) Plätzchen in meiner persönlichen Horror-Hall-of-Fame, sondern auch noch unser Gütesiegel „Empfehlung der Redaktion“ erarbeiten können. Weniger jedoch als Spiel, sondern vielmehr als ein interaktives Horrorerlebnis, das mit etwa 13 Euro (Steam) eher zu niedrig denn angemessen bepreist ist. Fans von tiefer gehenden, asiatischen Horrorfilmen schlagen ganz klar zu.

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