Detention - Hauptmenü


Im Test: Die Windows-Version


Du liebe Güte, was kommt denn jetzt – die späte Geburt des spielerischen Polit-Horrors? Taiwanische Schulschwänzer schnetzeln chinesische Kommunisten, good ol‘ times? Nein, glücklicherweise nicht. Stattdessen bläst Detention sogar jede Menge Frischluft in die zeitweilig etwas muffige Stube der Horror-Adventures. Denn wann erleben wir schon mal die gruselige Seite der chinesischen Mythologie im Rahmen des China-Taiwan-Konflikts der 60er Jahre? Richtig, eigentlich nie. Und ein Studio-Erstling mit solchen Eckdaten kann doch eigentlich nur gut sein… Oder?

Nachsitzen des Grauens

Zugegeben: Auf den ersten Blick würden wir dieses erste Kind der taiwanischen Entwickler Red Candle Games nicht annähernd so originell einschätzen. Detentions 2D- bzw. pseudo-dreidimensionale Pappaufsteller-Optik darf mittlerweile fast schon als indie-typisch bezeichnet werden. Auch könnten wir die irgendwo vernichtende Frage stellen, wie viele LucasArts-beseelte Point-and-Click-Adventures heutzutage so existieren. Die Betonung liegt dabei allerdings wirklich auf „könnten“ – denn schon Sekunden nach dem Spielstart werden derartige Fragen völlig uninteressant.

Detention - Lagerraum
Das In-Game-Böse wird vermutlich nicht in Verbindung zu buddhistischen Lehren stehen.

Der Horror beginnt in einem Klassenzimmer der fiktiven Greenwood High School auf Taiwan, wo Schüler Wei seinen lernunwilligen Kopf wie immer bequem auf dem Tisch geparkt hat. „Egal“, scheint ein jeder hier zu denken… Freundlicherweise selbst nach Ausgabe einer Taifun-Warnung. Während das gesamte Schulpersonal also längst zuhause im Reis stochert, erwacht Wei in einem verlassenen Schulgebäude, das ihm aus ganz anderen Gründen nicht mehr so recht behagt. Es ist nämlich, als habe sich ein düsterer Schleier wahr gewordener Mythologie über die gesamte Lehranstalt gelegt, der die Grenze zwischen dem Dies- und Jenseits einfach aufgelöst hat. Genau wie übrigens auch den Weg vom Schulgelände.

Als der „Nachsitzende“ unerwarteterweise in der Greenwood-Aula auf eine schlafende Mitschülerin (Ray) stößt, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Plötzlich ist der Fluss vor der Schule blutrot gefärbt und Wei verschwindet – um kurz darauf leblos von der Decke der Aula zu hängen. Die in der Nähe platzierten roten Kerzen deuten auf einen Ritualmord hin, doch irgendwie scheint in diesem Gebäude nichts mehr real zu sein. Ist dieser Albtraum vielleicht wirklich „nur“ ein Albtraum? Und wenn ja, wessen Albtraum?

Detention - Irgendwie tot
Nachsitzen kann ganz schön brutal sein…

Fragen über Fragen

Im weiteren Verlauf der Story verbiegen die Taiwanesen von Red Candle unsere Hirnwindungen ganz nach Belieben. Ist Wei wirklich tot? Wurde in der Krankenstation an Menschen herumexperimentiert, oder rührte die in manchen Schülerakten vermerkte Gewalteinwirkung ganz woanders her? Eine finstere Religion? Wahnsinn? Beides? Fest steht wohl nur, dass wir vorerst in der Rolle von Ray Kehlen aufschlitzen werden, denn auf diese Weise wird zumindest ein Puzzle des Spiels gelöst. Dabei schauen wir auch nicht bloß zu, sondern beweisen in einer Mini-Ausgabe des Surgeon Simulators wahres Messergeschick.

Ja, Detention ist ein recht schonungsloses Stück Software, das sich ab und an für einige Gore-Einlagen vom psychologischen Horror verabschiedet. Darüber hinaus gibt es die eine oder andere Cutscene, die vielleicht tatsächlich als „verstörend“ oder gar triggernd empfunden werden könnte (Hobbypsychologen wider Willen wissen, was gemeint ist).

Dennoch geht es den Entwicklern vornehmlich darum, uns einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Schon die Standard-Gegner, „The Lingered“ (die – im paranormalen Sinne – Zurückgebliebenen), wirken sehr bedrohlich. Um an ihnen vorbeizukommen, müssen wir optimalerweise eine Speisegabe auf dem Boden platzieren und dann angehaltenen Atems den Schleichgang einlegen. Denn tote Chinesen sind ausgesprochen gefräßig, müsst ihr wissen – und unser Atem ist leider relativ kurz.

Detention - Speisegabe
Ziemlich cool: Solange wir den Atem anhalten, interessieren sich Geister nicht für uns.

Gar nicht mal so „retro“

Obwohl Detention vermutlich ein wenig rückwärtsgewandt bzw. retro sein möchte, stellten sich beim steinalten Autoren kaum nostalgische Gefühle ein… Und das ist auch gut so. Der Artstil ist modern und überzeugt; lediglich weit entfernte Hintergründe oder sehr nahe Bäume erinnern an die Schattenseiten der MS-DOS- bzw. PS1-Ära (Stichwort: 2-FPS-Wasseranimation). Auch die Grafikeffekte lassen definitiv nicht zu Wünschen übrig, wenn nicht gerade eine misslungene vertikale Synchronisation dazwischenstinkt.

Generell stinkt in der Greenwood High School aber kaum etwas. Da wäre vielleicht dieser Gelegenheitsbug, wenn unser kürzlich verstorbenes Mädchen vor einem Schrein wieder aufersteht und wie von Geisterhand den „Rechtsweg“ wählt. Oder diese gelegentliche Fehlanimation bei der Interaktion mit Objekten. Und wenn jemand ganz besonders pingelig wäre, könnte er sich auch über das Fehlen einer intelligenten Navigation pikieren. Davon wollen wir jedoch absehen, denn intelligent sind wir ja selbst.

Für diejenigen, die sich von solchen Kleinigkeiten ebenfalls nicht die Laune verderben lassen: Wenn ihr auf der offiziellen Website des Studios den Newsletter abonniert, erhaltet ihr eine kostenlose Demo des Spiels.

Fazit

Detention gelingt etwas, das eigentlich viel zu wenigen Spielen gelingt: vom ersten Klang an zu fesseln. Das ist richtig, denn gleich mit dem ersten Ton aus unseren Desktop-Boxen fühlen wir uns in die Spielwelt hineinversetzt und wollen schleunigst mehr über sie erfahren. Auch in allen anderen Situationen ist der Tonmeister Herr der Lage, sodass uns manch böse Überraschung noch viel, viel böser erscheint.

Überraschungen hält das Spiel übrigens reichlich für uns parat, da „Die Zurückgebliebenen“ nur die Vorhut viel größerer und natürlich auch gefährlicherer Gegner bilden. Die Faszination der chinesischen Mythologie wächst hier sprichwörtlich mit der feindlichen Kreatur. In Sachen Rätsel allerdings sollte man von der morbiden Fernost-Reise nicht allzu viel erwarten – eingefleischte Adventure-Fans dürften hier wohl längere Phasen des Hindurchspazierens erleben. Aber es ist ein Spaziergang, der es wert ist, gemacht zu werden.

ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Story
9
Grafik
7
Sound
9
Gameplay
8
Spielspaß
8
QUELLESurvivethis
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Alex zockte schon zu Zeiten, als Nintendos Mario noch „Jumpman“ hieß: sein allererster High Score datiert auf 1981. Als Kenner alter Maschinen blickt er für Survivethis nicht nur zurück, sondern liefert auch News zu aktuellen Survival-(Horror-)Titeln. Nach Redaktionsschluss vertont er meist die Pixel-Art-Spiele seines kleinen Indie-Teams.

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