American McGee’s Alice - Eine rückblickende Story

Im Retro-Format „Veteranenhalle“ wedeln wir schwungvoll den Staub von altgedienten Spielstationen und diskettenhungrigen Rechenschiebern. Ob C64, SNES, 486er oder PS2 – sie alle haben im vollgestopften Redaktionskeller Spot-beleuchtete Ehrenplätze. Hier befinden sich auch die 35 Jahre alten Türen unseres Software-Archivs, deren tiefes Knarzen Antworten auf nahezu alle essentiellen Gamer-Fragen verheißt. Wer hat eigentlich das Basebuilding erfunden? Welches Spiel hat den Psychological Horror pioniert? Waren FMV-Spiele nicht grundsätzlich (der) Horror? In unregelmäßigen Abständen erlebt ihr hier die spannende und mitunter auch recht witzige Geschichte des Survival- und Horror-Gamings.

Er sieht sich selbst als den bösen Walt Disney, doch vom Erfolg des „guten“ kann er bislang nur träumen: Die Rede ist natürlich von American James McGee, dem Mann, der die Geschichte von Alice Liddell fortführte. Ein kranker Typ, wird so mancher vielleicht meinen, aber eigentlich war American McGee’s Alice nur konsequent. Denn auch Original-Autor Charles Dodgson war nicht gerade zimperlich, wenn er beispielsweise die Köchin der Herzogin ein Baby malträtieren ließ.

Alice: Dodgson übergibt an McGee

Das war im sechsten Kapitel, „Ferkel und Pfeffer“, im als solches deklarierten Kinderbuch Alice im Wunderland. Hier flogen Feuerzangen, Pfannen, Teller und „alles, was“ die Köchin gerade „erreichen konnte“, in Richtung der Herzogin und die des Säuglings. Heinrich Hoffmann, geistig verwirrter Erfinder des Daumenlutscher-Schneiders, hatte sicher seine helle Freude daran. Schließlich war Dodgon’s umstrittene Liebeserklärung an Alice bis spätestens 1879 überall: in schwimmenden Offiziersmessen in Kalkutta genauso wie auf den Nachttischen schnarchender Monarchen. Ein waschechtes Kinderbuch eben.

American McGee’s Alice - Herzogin
John Tenniel vs. McGee: Links die Herzogin im Original und rechts in Alice: Madness Returns.

Und irgendwann, klar, musste Dodgon’s Schinken auch einmal auf dem Schreibtisch eines Künstlers zu liegen kommen, der eine solche Geschichte gar nicht erst für Kinder schreiben würde. Der aufgrund seiner religiösen Erziehung früh die Rebellion übte und der das Mature Rating als eine Art Gütesiegel betrachtete: American McGee. Zwar musste Alice somit ganze 129 Jahre abenteuerbefreit in Unterland hocken. Dafür gelang James aber auch gleich ein kleiner Coup: eine kopfstehende Welt auf den Kopf zu stellen – ohne, dass sie wieder richtig herum stünde.

Psycho-Alice im Burnoutland

Seine Herangehensweise dabei war, das Grenzwertige grenzüberschreitend und das Fröhliche morbid zu machen. Ganz einfach, im Grunde, aber darauf kommen muss man erst mal. Und so schuf McGee, in einem Akt der Reduktion, in gewisser Weise eine Art Anti-Wunderland: Er knipste das Licht aus, trat den Blumen in die Blüten, transylvanisierte die Bäume und saugte der Grinsekatze das Körperfett ab. Und Alice…? Die warf er in die Psychiatrie, nachdem er ihre Eltern bei einem Hausbrand verkokeln ließ.

American McGee’s Alice - Grinsekatze
Sie hatten sich ja schon ein wenig verändert: Alice (in der Psychiatrie, Intro) und die „neue“ Grinsekatze (in-game).

Wow, staunte da selbst Steven Spielberg, der einer frühen Vorführung von Alice beiwohnte. Im Rahmen einer Messe in L.A. lobte er das Spiel als „die wahrste Interpretation des Werkes“, die er je gesehen habe. Und wen wundert es angesichts dessen, dass einige Jahre später auch Tim Burton auf den Zug ins alternative Wunderland aufsprang. Im Gegensatz zu McGee, der im Jahre 2010 ebenfalls an einer Verfilmung arbeitete, hatte Burton jedoch mit Disney zu kämpfen. Der Konzern sah mit einer McGee-nahen Fassung sein familienfreundliches Image in Gefahr; ein „Okay“ bekäme Burton allenfalls für eine deutlich entschärfte Version.

Alice im Wunderland - Tim Burton Spiel
Für Disneys Erben war McGee zu hart geraten. Tim Burton entschärfte – und wurde seinerseits versoftet. (Alice im Wunderland, 2010, Windows)

Tja, und Burton – der bediente sich daraufhin sowohl der Reduktion als auch der Erweiterung: Gewalt minus Blut, Krank plus Niedlich. Und das war, auf seine eigene Weise, perfekt. Einzig die offenkundige Forderung Disneys, nach der Mia Wasikowska kein Gothic Girl sein durfte, störte ein wenig. Denn authentischerweise war American McGee’s Alice genau das, eine Art Wednesday Addams mit selbstblutendem Fleischermesser. Und es war sicher nicht zuletzt deswegen, dass sich James von Tim Burtons Version ziemlich enttäuscht zeigte.

Spotlight auf Alice

Hauptsächlich aber kritisierte er das vom Star-Regisseur herbeigeführte „Statisten“-Dasein Alice’. In American McGee’s Werk war Miss Liddell schließlich zentraler Kontrast und Ursache: Es war ihr träumerischer Kopf, dem der vergrinchte (und nicht verclownte) Hutmacher, die kannibalistische Herzogin und überhaupt der ganze Schutt und die Asche entsprang. Und es war ihr äußeres Erscheinungsbild, das die ganze Katastrophe erst richtig perfekt machte.

American McGee’s Alice - Cover innen
Illustration auf der Innenseite der Retail-Box von Alice. Walt Disneys Teeparty war da eindeutig schmissiger…

Burton entfernte sich auch insofern vom Dreh- und Angelpunkt Alice, als er ihren persönlichen Kampf durch andere entscheiden ließ. So war es etwa die siebenschläferische Haselmaus, die – gesegnet sei des Filmemachers Verständnis von „Entschärfen“ – dem fiesen Bandersnatch ein Auge ausstach. Zwar experimentierte auch McGee zunächst mit mehreren Helden, indem er ein Feature implementierte, welches das Herbeirufen der grinsenden Hungerhaken-Katze gestattete. Auf diese Weise erhielt Alice dann tatkräftige Unterstützung in Kämpfen. In der finalen Version jedoch war dieses Feature aus genannten Gründen nicht mehr enthalten.

American McGee’s Alice - Gameplay
Alice im Kampf mit einem Kreuz-As. In komplexeren Levels funktionierte das Pathfinding leider nicht optimal.

Immerhin gab es aber einige coole Waffen, wie z.B. die extrem scharfkantigen Spielkarten, die maßgeblich zum Spielspaß beitrugen. Oder Alice’ „Rant Mode“ – dem metamorphen Pendant zum Doom’schen „Berserk“. Was sonst würde man auch von einem ehemaligen id-Designer erwarten? Vielleicht ja eine Handvoll mehr Hits; noch ein paar weitere Adoptionen und Abstraktionen.

Für den „guten“ Disney jedenfalls war Alice nur eine (angeblich verschmähte) Station von vielen. Und genauso sollte es eigentlich auch McGee halten, wenn er dem von ihm beanspruchten Titel des bösen Walters gerecht werden möchte. In der großen, weiten und sehr verrückten Welt warten nämlich immer noch viele Geschichten. Viel zu viele, als dass man seine Fans dazu anhalten sollte, unaufhörlich an die geschlossenen Fronttüren EAs zu hämmern.


Veteranenhalle – die Urspünge des Survival & Horror

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